9. Mai 2012: Rambo
Persönlich | 0 Kommentare

Wie Rambo an die Tanne springt

Manchmal werden Worte überbewertet.





1. April 2012: Surprise!
Videospiele | 3 Kommentare

100 Prozent





22. März 2012: Kopfmensch
Klinische Linguistik | 3 Kommentare

«You stick with the brooding, I’ll handle the wisecracks.»

Letztes Jahr habe ich meiner ewigen Grübelei in den Arsch getreten und mich für ein offeneres, spontaneres Leben entschieden. Ich weiß nicht, inwiefern mir das tatsächlich gelungen ist – ich bin immer noch niemand, der jetzt mal eben auswandern oder eine Bank überfallen würde – aber ich denke, ich habe mich seitdem ein wenig zum Positiven verändert. Ich bin lockerer geworden.

Trotzdem habe ich mir eine Sache gelassen, bei der Kopfarbeit immer erlaubt sein sollte: Der „Job“. Ich beziehe das nicht nur auf das Studium, sondern auf den gesamten Fachbereich, der für mich mittlerweile ebenso angestrebtes Berufsfeld wie Hobby geworden ist. Es ist nicht so, als hätte ich feste Ziele, die ich ansteuern würde, ich kann momentan nicht mal mit Sicherheit sagen, ob ich später tatsächlich therapeutisch arbeiten will, aber ich kann guten Gewissens festhalten, dass ich die Klinische Linguistik gerne in meinem Leben habe. Der Bereich bedeutet mir was. Und obwohl ich manchmal so tue, als wäre es anders: Ich nehme ihn verdammt ernst. Ich denke nicht, dass Sprachtherapie (zumindest im Kinderbereich) ein Beruf ist, in dem man als Therapeut tatsächlich etwas kaputt machen kann – der Patient fällt nicht ins Koma, nur weil ich Van Riper’sche Artikulationstherapie gegen Dysgrammatismus injizieren will – allerdings bin ich kein Freund von Zeitverschwendung, insbesondere dann nicht, wenn ich außer mir auch noch anderen Menschen die Zeit stehle. Wenn ich Unkraut jähte, schnipple ich nicht das oben sichtbare Grünzeug ab, damit die Nachbarin für ein paar Tage die Klappe hält, nein, wenn ich schon mit den Händen im Dreck rumwühle, dann grabe ich auch gleich nach den Wurzeln und habe hinterher ein paar Wochen Ruhe. Eigentlich hinkt dieser Vergleich, weil mir der Zustand unseres Gartens am Arsch vorbeigeht und ich mich dort nur blicken lasse, wenn ich Erde oder Grünzeug zur Terrarieneinrichtung brauche, aber würde ich dem undekorativen Gemüse draußen nun aus irgendwelchen Gründen offiziell den Krieg erklären, so würde ich mich dieser Aufgabe mit Gewissenhaftigkeit und Ernst stellen. (Verdammt, dieser Vergleich ist wirklich dämlich. Ich sollte mich um 2 Uhr nachts nicht mehr an bildhafter Sprache versuchen, das geht offensichtlich fürchterlich nach hinten los. Gewissen- und Ernsthaftigkeit beim Unkrautjähten. Ja, Baby. Das wäre mal ein gelungenes Wahlversprechen.)

Worauf ich hinauswill: In einem Bereich wie der Sprachtherapie erwarte ich… Effizienz. Effizienz ist eines dieser Wörter, die sich im Kontext „sozialer“ Berufe irgendwie kalt anhören, das ist mir bewusst, aber ich scheine eine bedeutende Sache an diesem Feld eben ganz anders zu sehen als die Menschen, mit denen ich in den vergangenen Wochen zu tun hatte. Mir ist absolut bewusst, dass Sprachtherapie verdammt viel mit Menschen zu tun hat, aber dieser Punkt ist in meinen Augen schlicht und ergreifend nicht alles, was den Beruf ausmacht. Nicht, dass soziale Kompetenzen unwichtig wären, niemand würde Greg House als Sprachtherapeuten wollen – aber es will auch niemand einen Arzt, dem eigentlich scheißegal ist, wie er am besten die Krankheit behandeln kann, mit der man zu ihm kommt. Ja, die Medikamente, die vor zwanzig Jahren gewirkt haben, könnten’s heute immer noch bringen. Aber vielleicht gibt’s ja mittlerweile was Besseres. Irgendwas, das schneller wirkt, weniger Nebenwirkungen hat. Was von Ratiopharm. Whatever.
Die Sprachtherapie in Deutschland ist verhältnismäßig unterentwickelt, aber es gibt durchaus Menschen, die versuchen, den Bereich hier weiterzubringen. Die erstellen beispielsweise Diagnostiktools und erforschen neue Therapiemöglichkeiten. Das sind Dinge, die wir an der Uni lernen: Wie man dieses Zeug einsetzt, wie man es bewertet, wie man beurteilt, welche davon für welchen Patienten taugen und welche nicht. Als popliger Drittsemester behaupte ich nicht, ich wüsste, wie der Hase im Praxisalltag zu laufen hat, aber was ich bisher davon zu Gesicht bekommen habe, gefällt mir trotzdem nicht. Ich höre „45 Minuten Therapie, 15 Minuten Therapieplanung und -vorbereitung“ und sehe „35 Minuten Therapie, 10 Minuten Kaffeetrinken und Telefonieren, 0 Minuten Therapieplanung“. In der Uni höre ich „Elternkontakt ist das A und O“ und alles, was ich davon zu Gesicht bekomme, besteht aus Hallo, Tschüss und „Eine Unterschrift bitte“. Die Uni sagt „Anamnesegespräch“, die Praxis antwortet mit „Das lasse ich unter den Tisch fallen, bringt eh nix“. Die Uni zeigt mir Heerscharen von standardisierten und normierten Testverfahren, in der Praxis finde ich leere Patientenakten, 45-minütige Diagnostiksitzungen, in denen nichts als die Artikulation und Lautdiskrimination abgefragt werden, und wenn ich Berichte für die Krankenkasse in die Finger kriege, so scheint eh ein Patient dem anderen zu gleichen, abgesehen davon, dass der eine einen Schetismus und der andere einen Kappazismus hat, sprich, die Schwierigkeiten bei unterschiedlichen Lauten liegen. Und genauso sieht letztendlich auch die Therapie aus: Jeder Patient bekommt dasselbe. Ab und an variiert ein Spiel, welches Memory mit welchen Bildern gewählt wird, hängt wieder vom betroffenen Laut ab, aber schlussendlich komme ich mit fünf bis zehn verschiedenen Spielen und ein paar bunten Bildern mit sämtlichen Patienten über die Runde.
„Das ist die Berufserfahrung.“
„Man kann alles so nutzen, dass es therapeutisch sinnvoll ist.“
„Die Patienten machen Fortschritte.“

Der kleine Junge zieht eine Karte, guckt und sagt: „Das Pferd steht vor dem Stall.“ Und ich überlege, ob er diesen grammatikalisch perfekten Satz gebildet hat, weil er’s kann, oder weil er dieses Spiel seit drei Monaten jede Woche spielt und diese verdammten Sätze anfangen, sich in sein Hirn zu brennen. Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen sind nicht „doof“ – im Gegenteil, einige sind sogar richtig gewieft darin, in der Therapie so wenige Fehler wie irgendwie möglich zu machen, damit die Therapeutin nicht rumnörgelt. Macht er das zu Hause dann auch so gut? Keine Ahnung, mit den meisten Eltern habe ich ja nichts zu tun. Die liefern das Kind ab und gabeln es später wieder auf. Fertig.

Ich frage mich, ob das alles sein soll.

Vielleicht bin ich einfach denkgeil. Vielleicht will ich zu viel analysieren, vielleicht handle ich dadurch zu wenig. Vielleicht liegt es an mir.

„Ich weiß ja nicht, was ihr werden wollt…“ Sie meint das Studium mit seinem hohen NC, dem Jahrespraktikum in der Klinik, aber ohne Vorpraktikum im Kindergarten, das einem Kinderliebe bescheinigt.
Ich hocke auf einem Stuhl, in mich zusammengesunken, eingefallen wie ein Kartenhaus, und starre auf die Tischplatte. Ich wirke so demotiviert, sagt sie. So ginge das nicht, sagt sie. Ja. Genau das denke ich mir auch. So geht das nicht.
„Ich weiß ja nicht, was ihr werden wollt…“
Und ich sage: „Ich auch nicht.“