31. Dezember 2011: Zwanzig Elf
Persönlich

Persönliche Jahresrückblicke laufen meist – wie alle Texte, die etwas zusammenfassen und beurteilen wollen – auf dasselbe hinaus: Ein Fazit. Ein Satz, der die Kernaussagen bündelt. Ein Satz, der ein Jahr mit einer Hand voll Wörtern verknüpft – im Bestfall ein Satz, der 365 Tage mit einem einzigen Wort beschreibt. ‚Mein Jahr 2011 war […].‘ Gut. Schlecht. Atemberaubend. Grässlich. Schießmichtot.
Das Tolle daran? Diese Sätze sind eben subjektiv. Man stelle sich spaßeshalber in einen Raum voller Menschen und trompete heraus: 2011 war geil. Nun betrachte man die Reaktionen der Umstehenden. Die Frau dort drüben runzelt die Stirn, die daneben grinst dämlich, der Typ da zuckt mit den Schultern und stopft sich ein Sektglas in den Hals, der Kerl neben ihm wirft dir einen vernichtenden Blick zu. Die erste Frau denkt an ihre Scheidung und das Designersofa, das sie im Krieg verloren hat, die zweite an ihre Hochzeit vor drei Monaten und das sich allmählich entwickelnde Kind, das sie im Bauch herumträgt, dem einen Mann wollen spontan weder bemerkenswerte Höhen noch Tiefen des vergangenen Jahres einfallen, der andere dagegen trauert seinem gerade verstorbenen Hund hinterher. Der will von deinem geilen Jahr 2011 gerade nichts wissen. Frau 1 wird Frau 2 wahrscheinlich nicht zu ihrer Hochzeit gratulieren. Typ 1 wird sich mit Freude weiterhin am Sekt gütlich tun, sich dabei aber ungern die Geschichten über Tobys Ableben von Typ 2 antun.

Ich bin ein bisschen wie Typ 1. Ich habe aufgehört, Jahre in gute und schlechte einzuteilen – mir fallen spontan durchaus diverse High- und Lowlights meines Jahres 2011 ein, aber ich sehe nicht den geringsten Nutzen darin, die jetzt wieder hervorzuholen. Und ich will mir in diesen Tagen auch nicht anhören, was bei anderen alles schief gelaufen ist. Es tut mir schrecklich leid für jeden, der 2011 seinen Hund verloren hat – aber erzählt mir nicht wieder die alten Kamellen von vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Erzählt mir nicht wieder, wie schlecht die Welt ist. Sitzt nicht wieder auf euren Sofas, erhebt um Mitternacht müde das Sektglas und seufzt theatralisch etwas von einem Frohen Neuen und dass das kommende Jahr besser werden solle, als das letzte. Es gibt Menschen, die das jedes Jahr sagen. Jedes. Verdammte. Jahr. Und das macht mich unbeschreiblich müde.

Mir ist bewusst, dass manche Dinge im Leben so falsch laufen, dass sie sich gnadenlos festfressen und wie ein hartnäckiger Automatismus immer das erste sind, was im Zweifelsfall abgerufen wird. Was ist das erste, was du machst, wenn du im Auto schalten willst? Du gehst vom Gas. Was ist das erste, woran du denkst, wenn du morgens die Augen öffnest? Tja, da fängt es möglicherweise schon an.
Doch man kann gegensteuern. Der Zellklumpen, den man in seinem Kopf durch die Gegend schleppt, tut die meiste Zeit (sofern er intakt ist, jedenfalls) genau das, was wir von ihm wollen – und er passt sich dem an, was wir bevorzugt mit ihm machen. Der Klumpen verändert sich, andauernd, um den Bedürfnissen seines Besitzers bestmöglich gerecht zu werden. Die Gehirne von glücklichen und unglücklichen Menschen arbeiten unterschiedlich. Sie sind eben ein bisschen wie treudoofe Hunde: Wo ihr Herrchen hinwill, da folgen sie. Menschen, die den ganzen Tag auf ihren fünf Buchstaben hocken und über ihr eigenes Leid nachgrübeln, haben ein Gehirn, das exakt auf dieses Leiden getrimmt ist – es folgt seinem Herrchen nämlich mit größtmöglicher Demut auch zu der Klippe, von der das sich (manchmal unbewusst) gerade hinunterstürzen will. Für sein Herrchen begeht dieses blöde Ding mit dem allergrößten Vergnügen Selbstmord. Herrchen scheint nur leider manchmal gar nicht zu wissen, was es da tut.

Manche Menschen haben sich so tief in ihre schwarzgraue „kann ich nicht“-Welt zurückgezogen, dass sie das grün blinkende Notausgangsschild neben ihrem Schädel überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Sie versuchen es auch gar nicht, und genau das ist die Sache, die mich ankotzt. Obwohl sie selbst es sind, die sich und ihrem Glück im Weg stehen, weil ihre Kindheit so schrecklich gewesen, ihre Ehe so schief gelaufen, ihr Leben ach so im Eimer sei, schieben sie der ganzen Welt die Schuld in die Schuhe – und wer immer in Reichweite ist, darf sich die Scheiße dann anhören, jetzt, Jahre später, nachdem bereits ein ganzer Friedhof von Gelegenheiten und Möglichkeiten vor ihrer Haustür aus dem Boden gewachsen ist und man bei jedem Versuch, diesen Menschen zu folgen, zwangsweise über zehn Grabsteine stolpert und sich wundert, warum keiner dieser Auswege jemals genutzt wurde. Ich war immer ziemlich empathiefähig, aber gerade bin ich es einfach nur noch leid, andererleuts Dreck von meinem Fußboden fegen zu müssen. Ich bin müde. Ich habe meine eigenen Probleme. Ich brauche eine Pause.

Heute bin ich Typ 1. Heute bin ich diejenige, die sich das Sektglas in den Hals stopft und auf 2011-Kommentare hin die Schultern zuckt. Mein Jahr 2011 ist vorbei. Ich lebe. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Stattdessen wünsche ich lieber jedem, der das liest, ein Frohes Neues Jahr 2012.

Macht was draus. Bitte.



2 Kommentare zu “Zwanzig Elf”

  1. Silencer
    am 31. Dezember 2011 um 21:01 Uhr

    Danke für diesen Text. Bis zu dieser Erkenntnis habe ich viel länger gebraucht, aber wie Du es so schön bildhaft beschreibst: Manche Menschen sind so in ihrem nicht-wollen gefangen, dass sie nur noch Gift absondern. Und es ist OK, sich nicht vergiften zu lassen.


  2. Laura
    am 1. Januar 2012 um 12:13 Uhr

    Danke zurück – beruhigend zu sehen, dass ich mit dieser Einstellung nicht allein dastehe!

    (Und: Welch Triumph, WordPress hat mir diesmal sogar erlaubt, deinen Kommentar zu checken, anstatt ihn einfach zu löschen…)



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