Gelesen im September 2014

Gelesene Bücher im September 2014

Hauptsächlich habe ich diesen Monat Literatur für meine zwei Hausarbeiten gewälzt, aber für drei Bücher und eine Kurzgeschichte habe ich dann zwischendurch doch noch Zeit gefunden. Das war auch nötig – die Hintergründe ikonischer Gesten und die Komorbidität von Stottern und sozialer Angststörung sind nämlich keine Themen, mit denen man sich zu jeder Minute seines Tages beschäftigen sollte. Ein Hoch also auf die vier Geschichten da unten, die mich ein wenig ablenken konnten!

Im Schatten des Vaters, David Vann (2012)

(Im Original: Sukkwan Island, 2010)

Der 13-jährige Roy soll ein Jahr allein mit seinem Vater Jim auf einer einsamen Insel in Alaska verbringen – in einer baufälligen Holzhütte, die Jim gekauft hat, mitten in der Wildnis zwischen Bergen und Wäldern und Schnee. Roy wächst eigentlich bei seiner Mutter auf, getrennt von Jim, und hier sollen Vater und Sohn sich besser kennenlernen. Doch die beiden reden kaum miteinander, konzentrieren sich auf die Vorbereitungen für den Winter, versacken in der kühlen Einsamkeit, und nachts hört Roy, wie sein Vater sich in den Schlaf weint.

Eine Novelle über eine Vater-Sohn-Beziehung, die einen in der ersten Hälfte langsam, fast schleppend, nach unten zieht, um einem dann, wenn man am Boden angekommen ist, mitten ins Gesicht zu treten. Die Geschichte liest sich zu Beginn bedrückend, gerade weil Vann Roys Gefühle nicht mit dem Skalpell seziert. Was danach kommt, geschieht so plötzlich und fühlt sich so abstrus, so widersinnig an, dass man die zweite Hälfte der Erzählung in einem Atemzug verschlingen will – um sie am Ende dann doch lieber wieder hochzuwürgen, in der Hoffnung, sie aus dem System zu kriegen. Es ist eine Weile her, dass ein Buch mich so packen, so bewegen konnte, aber ich muss zugeben, es hat zwischenzeitlich ziemlich wehgetan.

Relic, Douglas Preston & Lincoln Child (1995)

(Im Original: Relic, 1994)

Zwei Jungs streifen durchs Natural History Museum in New York und werden kurze Zeit später tot aufgefunden – in Fetzen, mit zertrümmertem Schädel und angefressenem Gehirn. Der Fall erregt Aufsehen, insbesondere, nachdem einen Wachmann des Museums kurze Zeit später dasselbe Schicksal ereilt. Lieutenant d’Agosta untersucht die Morde und bekommt schon bald Verstärkung von einem Special Agent des FBI, Pendergast, der ähnliche Verstümmelungen bei Leichen schon vor einer Weile in New Orleans zu Gesicht bekommen hat. Für die Museumsleitung sind die Morde (und besonders ihr Timing) eine Katastrophe, steht doch die Eröffnung einer wichtigen Ausstellung bevor, bei der erstmals auch ein besonderer Fund einer Amazonas-Expedition gezeigt werden soll, von der niemand lebendig zurückkehrte. Unter den Mitarbeitern werden zunehmend Gerüchte über einen Fluch, der auf dem Museum lastet, laut, und je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto abstruser wird das Bild, das d’Agosta und Pendergast vom Täter bekommen…

Ich wollte ja ein bisschen Monster-Horror, aber der sachliche und ziemlich gewöhnliche Schreibstil in Verbindung mit einem Überschuss an oberflächlich gezeichneten Charakteren, mit denen ich in 80% der Fälle nichts anfangen konnte, waren dem Spannungsaufbau sehr hinderlich. Dass der Roman auf dem Stand von vor 20 Jahren und sein Verlauf ziemlich vorhersehbar ist, das stört mich bei derartiger Literatur nicht sonderlich, aber ich will dann auf andere Art gepackt werden – vorzugsweise, weil ich um die Protagonisten bange. Das letzte Drittel hat’s ein wenig rausgerissen, insgesamt hatte ich allerdings mehr erwartet. Der Epilog hat mir den nächsten Teil, Attic, dann doch noch ein wenig schmackhaft gemacht, aber nachdem ich an Relic schon zwei Wochen hing, weiß ich noch nicht, wann ich mich da ranwage.

Driver, James Sallis (2007)

(Im Original: Drive, 2006)

Driver ist Stuntfahrer – und ab und an fährt er bei Raubüberfällen den Fluchtwagen. Er ist nämlich ein verdammt guter Fahrer, und mehr will er auch gar nicht: Nur fahren. Bis einer der Überfälle schief geht und zu einer nicht enden wollenden Reihe von Leichen führt.

Mit den Worten „das ist cool!“ in die Hand gedrückt bekommen, innerhalb von wenigen Stunden durchgelesen und auf halber Strecke erst bemerkt, dass das der Roman zum Film „Drive“ mit Ryan Gosling sein muss. Der Film war gut, und das Buch ist auch gut – obwohl beide auf derselben Grundstory beruhen, setzen sie aber doch unterschiedliche Schwerpunkte, und so bleibt Sallis’ Werk auch für jemanden, der den Film schon kennt, irgendwie neu und unverbraucht. Und, wie so oft: Das Buch ist besser. Aufbau und Stil sind etwas verworren, man muss also bei der Sache bleiben, um nicht irgendwo aus der Kurve zu fliegen, aber die Geschichte ist so rasant wie Drivers Fahrstil.

Böser kleiner Junge, Stephen King (2014)

(Im Original: Bisher nur auf Deutsch und Französisch erschienen.)

George Hallas wartet im Knast auf den Tod, weil er ein kleines Kind erschossen hat. Er hat das Urteil akzeptiert, doch sein Pflichtverteidiger Leonard Bradley lässt nicht locker – und schließlich wird seine Hartnäckigkeit belohnt; Hallas erzählt ihm die ganze Geschichte, warum der böse kleine Junge sterben musste.

Wie, Stephen King, und dann gibt’s das nur auf Deutsch und Französisch?! Ja, denn diese nette kleine Kurzgeschichte ist ein Dankeschön von Mr. King für den netten Empfang, den seine Fans ihm 2013 in Deutschland und Frankreich bereitet haben. Für zwei Euro gibt’s das Teil als Ebook zum Download. Die Geschichte ist schnell gelesen, aber gewohnt großartig geschrieben, mit im Verlauf etwas vorhersehbarer, aber treffender und herrlich fieser Pointe.

sukekiyo

sukekiyo live in der Zeche Bochum 2014

Wenn ich sage, dass ich Geschichten mag, dann assoziiere ich damit immer in irgendeiner Form eines: Worte. Ich bin ein Wort-Mensch; Sprache ist für mich alles. Mein Job, mein Hobby, mein Herz. Natürlich kann man Emotionen nonverbal äußern, ich mag es allerdings nicht, wenn ich die Geschichte dazu nicht kenne. Ich will immer wissen, was dahinter liegt.
Ich weiß nicht, wie genau das mit den Stummfilmen funktioniert hat, aber heutzutage kommen die wenigsten Filme ohne Worte aus. Worte sind wichtig. Tarantino-Filme sind nicht nur deswegen cool, weil die so einen hohen Verbrauch an Kunstblut haben; in erster Linie werden die Teile von den Dialogen getragen. Ich mag Filme, in denen viel gesprochen wird, und ich mag Musik, die ich nachfühlen kann – die mir über die Texte irgendetwas erzählt, womit ich was anfangen kann. Ich mag Musik, die sich im Kopf wie ein Film anfühlt.

Entsprechend habe ich immer einen Bogen um japanische Musik gemacht. Ich verstehe nämlich kein Japanisch. Ob die mir jetzt in ihrer Sprache „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder meinen Lieblingssong von Fever Ray vorsingen, ich merke da keinen Unterschied – mir fehlt einfach der Zugang. Die Sprachmelodie fühlt sich für mich komisch an, die Texte kapier ich nicht, und letztendlich kann ich mir nicht einmal merken, wie die Stücke heißen, auch dann, wenn sie englische Titel haben – vom Gesang her sind sie für mich ja alle irgendwie gleich.

sukekiyo

sukekiyo

Tja, dennoch: Am 21. September war ich mit einer lieben Freundin auf dem Konzert der Band sukekiyo in Bochum. Sukekiyo ist das Nebenprojekt von Dir en grey-Sänger Kyo, und Kyo ist nicht nur Japaner, er singt auch Japanisch (ja, wirklich). Nun muss ich zugeben, mich nie sonderlich mit Dir en grey befasst zu haben, aber das Album IMMORTALIS von sukekiyo habe ich mir (dank besagter Freundin, die sich für Kyos Arbeit sehr begeistert) oft angehört – und obwohl ich so ein Wort-Mensch bin, bei diesen Songs muss man nicht unbedingt den Text verstehen, um Bilder im Kopf zu haben. Das fand ich beeindruckend, und auch wenn ich immer noch keine Ahnung hatte, auf was genau ich mich eingelassen hatte: Das, was ich an japanischer Musik eigentlich nicht mag, das spielte an diesem Abend überhaupt keine Rolle.

sukekiyo

sukekiyo

Es ist schwierig, das Konzert in einem Wort zu beschreiben, aber müsste ich mich für eines entscheiden, so wäre das: Atmosphärisch. Es ist nicht so, als würden die Herren von sukekiyo keine härteren, rockigen Klänge anschlagen, es ist auch ganz gewiss nicht so, als würde die Musik einen nicht packen, aber dieses Konzert war das erste, auf dem ich war, bei dem ich überhaupt keinen Bedarf hatte, mich großartig zu bewegen. Wir saßen einfach nur da auf unserer Treppenstufe und schauten nach vorn, und das war perfekt so. Auch im Verlauf, als die Musik zunehmend schneller wurde, wollte ich nicht aufstehen und tanzen – das wäre mir nahezu frevelhaft erschienen, weil ich dieses Kunstwerk da vorne nicht mit kopflosem Herumhopsen kaputt machen wollte. Denn irgendwie war das gar kein Konzert. Da war niemand, der uns zum Klatschen aufforderte, da hat niemand mit uns gesprochen, die meiste Zeit wurden wir nicht einmal angesehen. Kyo hat sich bewegt, als würde er uns überhaupt nicht wahrnehmen, als würde er gar nicht merken, dass wir da sind; er schien gänzlich in seiner eigenen Welt zu sein, in einem Zustand, in dem er das nach außen brechen lassen kann, was Menschen normalerweise in sich verschlossen halten. Das mit anzusehen war regelrecht hypnotisierend – und ihn dabei zu hören beinahe schon furchterregend. Es steht außer Frage, dass dieser Mann singen kann, die Sache ist nur, dass er es dabei nicht belässt: Während viele Lieder durchaus von seinem Gesang (der sich nicht selten bis ins Falsett hinaufbewegt) dominiert werden, passiert es doch immer wieder, dass aus dem Singen schlagartig ein katzenartiges Fauchen wird, aus dem Fauchen ein gutturales Grollen und aus dem Grollen plötzlich ein markerschütterndes Schreien. Und live wirkt das noch um ein Vielfaches extremer, um ein Vielfaches packender als auf dem Album. Und obwohl ich kein Wort von dem verstehe, was er in diesen Momenten eigentlich sagt – die Emotionen, die er über seine Musik ausdrückt, erwischen mich trotzdem, und all das, was er in seine fast wahnsinnig anmutende Performance legt, das schwingt durch den gesamten Raum, über uns alle hinweg, wie eine Abrissbirne, die uns zu Boden reißt, und die uns, wenn wir uns gerade wieder aufgerappelt haben, von hinten mitten ins Kreuz springt. Die Instrumente, die Gitarrensoli wirken dabei als perfekter Verstärker, und wenn man es zulässt, dann wird man einfach so fortgezogen, weg von allem, hinein in Geschichten, die nur im ersten Moment wirken, als könne man sich nicht verstehen – bis man feststellt, dass man all das, was da in der Musik lauert, vielleicht irgendwann einmal doch schon selbst gefühlt hat, die Abfolgen, die Schwankungen, die Umbrüche. Denn Emotionen kennen keine Sprachbarrieren. Und die Geschichten zu den Gefühlen, die die Musik von sukekiyo bewirkt, die erzählt dein Kopf dir schlussendlich selbst.

sukekiyo

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Mein absolutes Highlight des Konzertes war der Song vom IMMORTALIS-Album, dessen Titel nur aus Kanji besteht (烏有の空). Die Albumversion ist lediglich ein wenig über zwei Minuten lang, live zieht sich das Stück jedoch auf die doppelte Länge – und auch das, was die Studioaufnahne schon besonders macht, nämlich Kyos Gesang, der trotz der scheinbaren textlichen wie musikalischen Einfachheit des Stückes wirklich alle Facetten durchmacht, wird live um ein Vielfaches intensiviert. Und Kyos Art, sich zu bewegen, zu performen, die macht die Atmosphäre so eindringlich, dass man einfach nur still dasitzen und starren und sprachlos und atemlos sein kann. Es klingt komisch, wenn ich schreibe, dass sich da jemand das Kabel seines Mikrofons um den Hals legt und sich den eigenen Speichel über Brust und Bauch rinnen lässt, und wenn ich schreibe, dass das hypnotisch und faszinierend wirkt, es klingt vielleicht krank oder lächerlich, aber das wirklich Faszinierende ist eigentlich, dass an diesem Künstler nichts gespielt, nichts falsch und nichts unecht wirkt. Wenn ich ihn vor mir sehe, denke ich nicht an einen Schauspieler oder an jemanden mit zwei Persönlichkeiten, einer für’s Leben und einer für die Bühne, sondern ich denke einfach nur an einen Menschen, der in seiner Musik einen Weg gefunden hat, all das nach außen zu tragen, was unter der Oberfläche liegt, und das finde ich beeindruckend und beneidenswert und unheimlich schön, auch dann, wenn das, was dabei nach außen tritt, im Kern manchmal schmerzt oder traurig oder gar hässlich ist.

Das war wirklich kein Konzert. Das war ein Film in meinem Kopf und ein ganzes Leben in meinem Herzen.

sukekiyo

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Schreiben und Zen

Warum bloggst du? – Schreiben und Zen

Bloggen

Was das Bloggen betrifft, so schwebe ich gedanklich noch immer irgendwo auf der Meta-Ebene, schaue hinunter auf meine auserkorene „frei Schnauze“-Nische (in der ich, wie ich überglücklich feststellen durfte, ganz und gar nicht allein bin!), und frage mich, wie ich hier überhaupt hingekommen bin. Ich schätze, heutzutage beginnt man Blogs, weil man auf Ruhm und Kohle hofft, weil man Kooperationen mit Firmen eingeht, weil man sich zu seinen neuesten H&M-Käufen beglückwünschen lassen will, aber damals, als ich damit angefangen habe, da wäre ich nie im Traum auf die Idee gekommen, mit einer Website Geld zu verdienen, und ich wäre nie im Traum darauf gekommen, dass irgendjemand je lesen wollen könnte, was ich in irgendwelche Textfelder gehämmert habe. Trotzdem hatte ich irgendwann eine winzigkleine Zahl von Stammbesuchern zusammen, mit denen ich ganze Gespräche in den Kommentaren geführt habe, und das war toll. Ich erinnere mich vor allem an Paleica, Celina und Mareike, an Tom, an diverse Freundinnen aus dem sagenumwobenen Real Life, die auf dem Blog herumwuselten, und ich erinnere mich daran, dass das, was wir damals gemacht haben, nichts anderes war, als virtuell miteinander abzuhängen und sich Geschichten zu erzählen. In gewisser Weise war das noch weniger als Wenigerwert-Bloggen, aber es ist genau dieses „Abhängen“, dieses „sich Geschichten Erzählen“, das das Bloggen für mich bis heute so wahnsinnig reizvoll macht.

Schreiben

Ich war immer jemand, der sich das Leben ein bisschen schwerer gemacht hat als nötig, indem er hinter allem den tieferen Sinn gesucht hat. Ich war immer übermäßig perfektionistisch, immer damit beschäftigt, mich und meine Umwelt durchzuanalysieren, und in gewisser Weise hatte ich den Großteil meines Lebens einen überdimensionalen Stock im Arsch, weil ich mich strikt geweigert habe, „öffentlich“ irgendetwas Blödes zu tun. Im Kern mache ich mich wahnsinnig gern zum Honk (ich muss mich nicht einmal dazu machen, ich bin einer), aber dass andere herzhaft über einen lachen, und dass man daneben steht und mitlacht, da muss man auch erst mal hinkommen. Ich kann mich ums Verrecken nicht daran erinnern, warum genau ich eines Tages anfing, einfach so niederzuschreiben, was mir in dem Moment im Kopf herumspukte – ich kam mir dabei am Anfang nämlich ziemlich dämlich vor. Jemand, der die Welt aus einer sachlichen, kühlen Perspektive betrachtet, hat zu jeder Sekunde vor Augen, dass sie sich eben nicht um ihn dreht, und der kommt eigentlich nicht auf die Idee, dass er mit seinen Worten Platz verschwenden sollte. Ich meine, hey, andere tun viel bedeutsamere Dinge als ich, andere überwinden größere Kluften und besteigen höhere Berge, andere haben ohnehin mehr zu sagen und mehr zu erzählen. Und du, du bist einfach nur da. Toll.
Irgendwann schrieb ich trotzdem. Und irgendwann war ich sogar dreist genug, das auf einem Blog zu tun. Und irgendwann war das Schreiben so sehr ein Teil von mir geworden, so sehr Druckablassventil, dass ich nicht mehr damit aufhören konnte. Wenn man lange genug immer wieder irgendetwas schreibt, findet man fast zwangsweise seine Stimme – nicht die, die sich in Frequenz und Amplitude misst, die wir selber kontrollieren und variieren können, sondern die, auf die wir eben keinen Einfluss haben und die darüber zeigt, wer wir sind. Wenn du schreiben kannst, ohne darüber nachzudenken, wenn du aufhörst, jedes Wort zu bewerten, und wenn Schreiben Denken ist und Denken Schreiben und du innerhalb von fünfzehn Minuten 1.000 Wörter geschrieben hast, ohne dabei jemals eines durchstreichen zu müssen, dann hast du diese Stimme gefunden. Das heißt nicht, dass alles, was du schreibst, sich liest wie ein Roman von Stephen King, oder dass du alles, was du schreibst, ins World Wide Web hinausschreien solltest, aber zumindest ist das, was da steht, auf eine besondere Art und Weise wahr, und das ist (zumindest in meinen Augen) schon verdammt viel wert. Meistens lernt man dabei ein bisschen was über sich selbst, sieht, wo sich Gedanken und Gefühle verknotet haben, wo des Pudels Kern und der Hase im Pfeffer liegt, und wenn man das erst einmal weiß, dann erkennt man auch, wie man den Knoten wieder lösen kann. Hätte ich nicht irgendwann einmal angefangen, zu bloggen, und wären da nicht so verdammt tolle Menschen gewesen, die mich auf ihre Arten darin bestärkt haben, weiterzumachen, und wäre darüber das Schreiben nicht so ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden, dann würde ich heute vielleicht immer noch Wege suchen, die Knoten in mir zu finden.

Zen

Vor ein paar Jahren gab’s da diese Serie (Life) mit Damian Lewis, der diesen Cop spielt, der zwölf Jahre unschuldig im Knast saß und danach mit einem Faible für Obst und Zen wieder den Detective spielen darf. Das mit dem Obst hab ich verstanden, aber diese ganze Zen-Geschichte hab ich nicht auf die Kette bekommen. Irgendwie klang das alles cool, was er da so erzählt hat, auch für jemanden ganz ohne Knasterfahrung, und hey, ich bin ein Lern-Mensch, ich will mir immer irgendetwas aneignen und üben und gut darin werden. Aber da konnte man gar nichts lernen. Da gab’s kein 7-Schritte-Programm, keine Tutorials, keine How to’s. Da war eigentlich gar nichts.
Das fand ich frustrierend.
Also kein Zen für mich. Muss ich halt mehr Obst essen, um Charlie Crews zu ehren.

Heute habe ich von Zen immer noch keine Ahnung, aber ich bilde mir ein, dass es dabei vor allem darum geht, loszulassen und genau diesen Zustand des Nichtverstehens zu akzeptieren. Und zu akzeptieren, dass du eben einfach nur da bist. Du, und der Rest der Welt. Ich schätze, es geht darum, mit dem Analysieren und Zerdenken aufzuhören und den Geist zum Schweigen zu bringen, bis da nur noch die Gegenwart ist, und das, was du gerade darin tust. Ich kann das nicht immer (auch wenn ich heute problemlos mit anderen über mich lachen kann), aber die Idee finde ich schön. Und am ehesten halten meine Gedanken dann die Klappe, wenn ich schreibe oder gerade geschrieben habe. Wenn ich die Knoten gefunden und gelöst und die Fäden wieder glattgestrichen habe.
Darum ist Schreiben meine Art von Zen. Darum wird mein Blog immer mehr aus Worten als aus Bildern bestehen, darum sind alle Beiträge, die ich schreibe, immer ein wenig zu lang, und darum nenne ich das Wenigerwert-Bloggen: Ich habe keine Lösungen für deine Probleme, und ich will dir nicht sagen, was du tun sollst. Die meiste Zeit will ich einfach nur Geschichten erzählen.