Taube auf dem Dach

Wenigerwert-Bloggen

Das alles hier ist alt. Das ist kein schmucker Neubau, das ist eine Ruine, und jeder Stein hat eine Vergangenheit, hat eine Geschichte, und wir sitzen hier am Tisch mit Gespenstern.

Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde, anbei erhalten Sie Ihre aktuelle Rechnung. Die fünfte Benachrichtigung dieser Art, und fünfmal war ich ein braver, pflichtschuldiger Bürger, und dreimal habe ich mich gefragt, warum ich den Vertrag nicht gekündigt habe. Webspace, wozu, wenn ich dem Web nichts mitzuteilen habe? Ihm nichts mitteilen will? Nichts mitteilen kann?
Gestern war Bloggen noch „Samstag war ich mit meiner BFF im Kino :D“, heute ist Bloggen „der Nagellack besticht durch seine kräftige Farbe sowie eine überdurchschnittliche Haltbarkeit“, und so richtig verstehen tue ich beides nicht. Das eine hat zu wenig Hintergedanken, das andere zu viel. Gestern war das egal; da hat jeder gemacht, was ihm gerade in den Sinn kam, und da war kein Druck dahinter, da waren keine Klarnamen und Adressangaben, keine Facebook-Fanpages, und wenn überhaupt, dann war der Disclaimer fünf Zeilen lang und startete mit „Mit dem Urteil vom 12. September 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden“. Gestern waren Blogs Tagebücher, heute sind sie Fashionjournale und Ratgebermagazine. Wenn du bloggen willst, liest du dir ein How to durch, in dem steht: Finde deine Nische. Erkenne die Probleme deiner Leser und helfe ihnen bei der Lösung. Informiere. Biete einen Mehrwert. Wenn du’s machst, mach’s richtig.

Phew. Biete einen Mehrwert. Okay. Informationen. Lösungen. Okay. Sei Experte auf deinem Gebiet. Okay.

Warte. Was?

Da schreibst du seit zehn Jahren Scheiß im Internet, und plötzlich denkst du, du musst jetzt mal erwachsen werden und nur noch ganz ernstzunehmende, wichtige Dinge mit deiner Zeit anfangen. Gott bewahre, dass da Unsinn auf deiner Seite steht. Gott bewahre, dass da das Wort „Scheiß“ steht. Gott bewahre, dass da was von dir steht.

Ich habe keine Nische. Für ein eigenes Theme fehlt mir die Zeit, und für die Suche nach dem perfekten Farbschema der Geschmack. Von Nagellack habe ich keine Ahnung. Für diesen Beitrag fallen mir weder Fokus Keyword noch Meta Description ein. Manchmal schreibe ich Unsinn, und manchmal fluche ich dabei. Mein geistiges Alter pendelt zwischen 8 und 88 Jahren. Ich hatte irgendwann einmal vorgehabt, hiermit etwas total Professionelles anzustellen, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass ich mich selbst viel zu wenig ernst nehme, um einen auf „Experte“ zu machen.

Ich meine, Himmel. Seit zehn Jahren gurke ich mit eigener Webpräsenz durch’s Internet, und trotzdem schaffe ich’s noch, durch die Aktualisierung auf WordPress 4.0 ganz expertenmäßig den Wartungsmodus rauszuhauen, damit Herr Silencer meinen wahnsinnig intelligenten Testbeitrag kommentieren kann.

HATM_Test123

Lassen wir das also mit der Professionalität. Ich wurde ohnehin enttarnt.

Ich und meine Gespenster, wir haben das Gebäude zurückerobert.

13 Kommentare zu “Wenigerwert-Bloggen

  1. Glückwunsch zur Rückeroberung.

    Zeiten ändern sich, Blogs und deren Wahrnehmung auch. Der einzige, wichtige Faktor: Ob die Lust zum Bloggen da ist. Alles andere ist egal.

    Ich betrachte mein Blog als eine Art Tagebuch. Was bleibendes. Anders als Facebook, Twitter und co, die mir immer wieder wie ein reissender Fluß vorkommen. Man wirft seine Gedanken hinein, wusch, sind sie weg und irgendwie verloren. Im Blog sind sie sicher aufbewahrt. Und so wie ich mich ändere, ändert sich auch der Bloginhalt. Ob das andere interessiert oder nicht. Ohne Druck und ganz einfach.

    1. Danke dir!

      Ich denke, das ist die richtige Einstellung – letztendlich hat ja auch alles einen Mehrwert, was einem selbst etwas bringt. Und sei’s eben nur für einen persönlich. Manche (wie ich) brauchen für diese Erkenntnis wohl nur einfach länger als andere.
      Dieses Bleibende, was du beschreibst, macht Blogs letztendlich auch aus – so ein leeres Blatt mag seinen Reiz haben, aber durch ein Archiv klicken zu können, das bereits Jahre zurückreicht, und das so viele Gedanken und Momente konserviert, das ist schon etwas Besonderes. Dein Blog ist da ja das beste Beispiel!
      Wer weiß, vielleicht schaff ich’s auch endlich mal, dieses Monster hier groß und stark werden zu lassen. Wünschen würd ich’s mir. Aber, wie gesagt – kein Druck.

  2. Wir machen aus dem „keine Ratgeber-Informationsblog-Nische besetzten“ eine eigene Nische, wir schreiben etwas und wer Bock drauf hat liest es halt. End of Story. :)

  3. ich vermisse die echten personal blogs. das ist wie auf jetzt – da hat früher jeder über persönlichen herzschmerzscheiß geschrieben und heute ist aller politisch korrekt, politisch motiviert und politisch unpersönlich. dafür viel, mehr und endlos. das ist zwar gesempere über die gute alte zeit, aber ist halt so.

    1. Politisch korrekt, politisch motiviert und politisch unpersönlich – besser kann man’s gar nicht ausdrücken! Dabei ist alles, was ich suche, immer nur Persönlichkeit, immer nur Menschsein und man-selbst-Sein, und nicht dieser eiskalte Einheitsbrei, der dem Schreiber das Gesicht und die Seele nimmt. Früher war vielleicht nicht alles besser, aber DAS, das war besser, ganz genau.

      1. es ist schön, wenn mans zumindest nicht allein so sieht. wir sollten einen club gründen – blogger mit herz oder sowas :) seit dem internet die anonymität fehlt, fehlt ihm auch die persönlichkeit. irgendwie.

        1. Das ist wahr. Man muss ja auch Angst haben, seine Persönlichkeit zu zeigen. Bevor man gefeuert wird deswegen, oder wegen blöder Wortwahl die Polizei vor der Tür aufläuft, oderoderoder. All diese Horrorvorstellungen eben.
          So ein Club wär wirklich was – dann muss man seine Gleichgesinnten nicht mehr ewig suchen, wenn sie dort versammelt sind. :D

          1. ja du sagst es. mittlerweile ist man auf der straße wesentlich anonymer als im internet. das ist schon seltsam.

            kennst du eigentlich noch mehrere andere blogs, die es so betreiben wie wir das mal kannten? ich hab noch ein paar, aber nicht mehr viele.

          2. Nicht wirklich, nein. =/ Nur sehr wenige. Mir fehlt aktuell auch ein wenig der Überblick und so richtig bin ich in der Blogosphäre noch nicht wieder drin, entsprechend sind da bisher nur eine Hand voll anderer Blogs in meinem Reader. Empfehlungen wären natürlich super, wenn du noch ein paar Leute / Blogs kennst – je mehr vom „alten“ Schlag, desto besser! :D

  4. also ad hoc fallen mir da folgende ein: viola von olaswelt.com, eleni anthea von thesunflowerunderthewillowtree.wordpress.com, christina von ohnemusik.com und noch ein paar vereinzelt, die sich in meiner blogroll tummeln. wenn du zeit und muße hast, kannst du dich gern mal durch meine blogroll klicken, obwohl da die meisten halt auch themenspezifisch sind und wenige „alltagsblogger“ mit hang zur gedankenlyrik :) (was das angeht, bin ich leider auch schlecht bestückt).

    1. Danke dir für die Links und den Hinweis auf deine Blogroll – da werd ich mich mal durchklicken! :) Ich bin sicher, die eine oder andere Perle lässt sich da finden!

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