Gelesene Bücher im Oktober 2014

Gelesene Bücher im Oktober 2014

Normalerweise bietet der Herbst ja optimales Lese-Wetter, aber wer auf die glorreiche Idee kommt, sämtliche verbleibende Seminare des Studiums in ein einzelnes Semester zu quetschen, der hat davon nicht sonderlich viel. Immerhin: Die Leseminuten, die ich aufbringen konnte, haben sich zumindest gelohnt!

Das Hotel New Hampshire, John Irving (1998)

(Im Original: The Hotel New Hampshire, 1981)

Win Berry und seine zukünftige Frau Mary lernen sich in einem Hotel kennen und lieben – die beiden heiraten, und kurz darauf kommen nacheinander Frank, Franny, John, Lilly und Egg zur Welt. John erzählt in diesem Roman die Geschichte seiner Familie, vom ersten bis zum letzten Hotel New Hampshire, von einem anderen Freud, Kummer, Bären, Huren, von Schlagobers und Blut, Geschwisterliebe und Wachstumsversuchen, von Gewinn und Verlust, von Liebe und Tod.

„Bleib immer weg von offenen Fenstern…“ Es gibt Bücher, zwischen deren Seiten man unweigerlich kleben bleibt, in deren Worten man sich verfängt, ohne, dass man den Finger darauf legen könnte, warum. Von John Irving sollte man mal etwas gelesen haben, dachte ich mir, schnappte mir das Buch mit dem Bären drauf, und wurde eins mit der Familie Berry. Eigentlich war mir der Roman anfänglich ja zu absurd, zu merkwürdig, aber aufhören zu lesen konnte ich dann doch nicht, und je weiter ich kam, desto weniger seltsam erschienen mir all diese Skurrilitäten. Im Gegenteil; das, was ich zu Beginn noch so absurd gefunden hatte, das entwickelte mehr und mehr einen doppelten Boden, so lange, bis in jeder Absurdität so etwas wie eine tiefere Wahrheit steckte. Dass Kummer immer obenauf schwimmt, man manchmal einfach nicht groß genug ist und wir alle einen schlauen Bären brauchen, zum Beispiel. Ein wunderbares Buch!

Mr. Mercedes, Stephen King (2014)

(Im Original: Mr. Mercedes, 2014)

Ex-Cop Bill Hodges steht nach seiner Pension kurz davor, sich vor lauter Langeweile die Kugel zu geben – bis er einen Brief von jenem Menschen erhält, der vor einem Jahr mit einem gestohlenen Mercedes S600 in eine Menschenmenge gerast war und vielen dabei das Leben oder zumindest ein paar Gliedmaße genommen hatte. Hodges war damals mit dem Fall betraut, doch zu „Mr. Mercedes“ fehlte jede Spur. Der Brief des Täters weckt Hodges Lebensgeister und er beginnt, den Fall neu aufzurollen – und mithilfe einiger Komplizen kommt er dem psychopathischen Killer endlich näher…

Ich hab’s ja nicht so mit dem ganzen Crime-Genre. Mit CSI und Co. kann man mich jagen, Romane über Ermittlerteams, die in dreißig Teilen die ewig selben Fälle aufklären, finde ich langweilig, und eigentlich war ich vom Klappentext des neuen Kings alles andere als angefixt. Aber es ist eben ein King: Kein anderer kann so Geschichten erzählen, und widerstehen kann ich dem Kerl und seiner Schreibe am Ende ja doch nicht. Und, siehe da, auch wenn „Mr. Mercedes“ ein regelrecht altmodisch anmutender Kriminalroman ist, das, was Kings Geschichten schon immer ausmacht, das steckt auch in diesem Werk: Die Charaktere sind nicht nur wacklige Baukasten—Konstruktionen stereotyper Eigenschaften und Eigenarten, sie sind Menschen, und was ihnen passiert, das geht einem nahe. Für den Leser ist die Frage hier nicht, wer der Täter ist, das wissen wir von Anfang an – wir wollen wissen, ob unsere Helden den Bösewicht fangen können, und vor allem, ob sie dabei heile bleiben. Das Buch liest sich fast von selber, sobald man den Fehler gemacht hat, anzufangen. Das ist gut. Und ich bin gespannt, was King aus dieser Geschichte noch machen wird, handelt es sich bei „Mr. Mercedes“ ja um den Auftakt einer Trilogie. Aber ein bisschen fehlte mir ja „Trag das auf dem Heimweg, dann sieht es aus wie ein Kleid“. Ein bisschen fehlte mir diese innere Schönheit, die viele King-Romane inmitten all der Abgründe in sich tragen.

10 Kommentare zu “Gelesene Bücher im Oktober 2014

  1. „Welcome to the Hotel New Hampshire“… ich LIEBE dieses Buch. Damals habe ich mir das aus dem Bücherregal meiner Eltern „geklaut“ und bestimmt schon ungelogen 10 Mal gelesen seit 1991. Den Film dazu liebe ich auch!

    Toll, dass es jemanden gibt, der dieses Buch wirklich verstanden hat! Du sprichst mir aus der Seele :-)

    Achja: Crime und so lese ich trotzdem recht häufig. In der Straßenbahn darf’s auch immer gerne etwas weniger anspruchsvoll sein.

    Viele Grüße
    Sarah

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar! :D
      Den Film habe ich noch nicht gesehen, aber er ist schon auf meiner Liste der noch anzuschauenden Filme gelandet! Das Buch hat mir wirklich den Kopf verdreht – ich war am Ende extrem traurig, dass es vorbei war. Ich muss unbedingt noch mehr von Irving lesen. Kennst du noch andere seiner Bücher? Sind die wohl ähnlich wunderbar? :D

      Oh, gegen weniger anspruchsvolle Bücher habe ich auch gar nichts einzuwenden. Manchmal braucht man das! Aber viele Krimis ähneln einander für meinen Geschmack dann doch zu sehr… Vielleicht hab ich auch die falschen erwischt. Welche ich sehr mochte, waren die aus der Smoky Barrett-Reihe von Cody McFadyen, da warte ich noch auf den fünften Teil… Aber der scheint auf sich warten zu lassen.

      1. „Bis ich Dich finde“ und „In einer Person“ fand ich auch ziemlich gut! Das ist auch etwas durchgeknallt, aber an „Hotel New Hampshire“ kommt nichts ran und ich habe echt viele Bücher von Irving gelesen. Ich habe immer wieder „Halt Dich fern von offenen Fenstern“ im Kopf, was ja letztendlich auch bedeutet, nicht aufzugeben, was auch immer für ein Mist im Leben passiert.

        Ja, viele Krimis ähneln sich und da mag ich dann auch, wenn es sozusagen drumherum noch eine Geschichte gibt. Ich lese momentan die Bücher von James Patterson zu „Women’s Murder Club“. Das klingt im ersten Moment ziemlich albern, aber da wird auch immer so schön das Privatleben der Ermittlerinnen ausgeschmückt. So ist es dann eben doch kein Standard-Krimi mehr.

        Cody McFadyen habe ich bislang noch nicht geschafft zu lesen, aber steht schon länger auf meiner Liste. Magst Du Richard Laymon? Das fällt ja auch eher in die Kategorie leicht verstörender Bücher ;-)

        1. Dann werd ich mir die beiden gleich mal merken! Das wäre natürlich genial, wenn der Mann noch ähnlich berührende und vor allem irgendwie wahre Geschichten geschrieben hätte. Die offenen Fenster waren der wahrscheinlich am häufigsten vorkommende Satz im Buch, der hat wirklich einen Einbrenn-Effekt… Eigentlich wirklich ein schöner Satz, nach dem man leben sollte.

          Ja, wenn das Privatleben der Ermittler beschrieben wird und die einem dann ans Herz wachsen, dann machen solche Bücher gleich viel mehr Spaß! Die Reihe von Patterson kenne ich gar nicht. Bei McFadyen mochte ich auch die Charaktere immer sehr gern, das hat die Bücher dann auch gleich besonders gemacht. Die kann ich wirklich empfehlen!

          Von Laymon habe ich bisher nur „Die Insel“ gelesen – Himmel, war der Mann irre! :D Einige seiner Bücher sind noch auf meiner Leseliste, da schwanke ich noch, welches ich mir als nächstes vornehme. Hast du da vielleicht Empfehlungen? ;)

          1. „Das Inferno“ ist ähnlich irre, wobei ich glaube, dass „die Insel“ kaum zu übertreffen ist. Da war ich beim Ende echt geschockt, obwohl ich ziemlich viel von solchem Zeug lese ;-) Ich mochte auch „Das Spiel“, auch wenn es bei Amazon & Co. nicht so gute Bewertungen hat. Die Bücher von Chris Carter finde ich übrigens auch recht gut.

  2. sag mal, die cover, die du hier für den blog verwendest, machst du schon selbst, oder?
    klingt irgendwie beides ziemlich cool, obwohl ich fast die vermutung habe, dass beides nicht ganz mein genre ist. an einen irving bin ich irgendwie noch nie gekommen, meine einzige berührung (so sagt jedenfalls wiki) ist der film „gottes werk und teufels beitrag“, den ich jedenfalls genial fand.

    von king habe ich nur der talismann gelesen, das mochte ich wirklich sehr (das habe ich dir glaub ich schon erzählt), ansonsten bin ich für seinen grusel einfach zu zart besaitet. leider.

    1. Ja, die mache ich selbst, mit Grafiktablett. Dass es immer herrlich schief und krumm ist, nenn ich mal „persönliche Note“. ;) Ne, mir ist das mit dem Copyright bei den Buchcovern einfach zu doof. Ich lese auch einige E-Books und kann da dann nicht mal einfach das Cover fotografieren.

      Wer weiß, vielleicht gefällt’s dir trotz Genre? Bei dem Irving wüsste ich nicht einmal, in welches Genre ich das packen sollte… Irgendwie ist’s ja eine Familiengeschichte, aber irgendwie ist es auch mehr als das. „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ kenn ich nur vom Namen her… Muss ich auch mal ändern!
      „Mr. Mercedes“ hat gar keine Horrorkomponente dabei, vielleicht ist das dann auch was. :) „Der Anschlag“ von King kann ich in der Hinsicht auch empfehlen, da gab’s zwar das Übernatürliche (Zeitreisen), aber auch keinen richtigen Grusel.

      1. ich finds super :) jedes mal eine unterhaltsame untermalung deiner bücherposts :)
        ja diese copyright-geschichten… bei sowas finde ich das eigentlich immer total doof, grade wenn man eine buchempfehlung schreibt und damit gratis werbung macht, wenn mans genau nimmt…

        also der film hat mir total gut gemacht, ich fand michael caine und tobey maguire wirklich gut und überzeugend. wirklich ein sehr guter film – sofern man gern laaangen dialogen lauscht. für mich als auditiver typ ein traum :)

        „kein richtiger grusel“ – ob das vertrauenswürdig ist von einem horrorfilmfan :P ? das sagte mein freund auch über die mothman-prophezeiung und ich hatte 2 nächte lang schlimme alpträume ^.^

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