Liebster Award

Liebster Award für Howl at the Moon

Petra von „Mein Blog, meine Gedankenfürze“ hat mir so etwas wie ein Stöckchen an den Schädel geschmissen – also, eigentlich ist es kein Stöckchen, sondern ein Award, aber nicht bloß in Form eines bunten Bildchens, das man sich stolz in die Sidebar klatscht, sondern man soll sich mit andererleuts Fragen herumschlagen und im Anschluss wiederum andere Leute mit neuen Fragen piesacken. Oder so. Auf jeden Fall muss man ganz viele Links spendieren, damit schnuckelige, unbekannte Blogs wie Howl at the Moon massig Traffic bekommen, dadurch wahnsinnig berühmt werden und so nach und nach die wohlverdiente Webherrschaft an sich reißen können. Klingt doch gut, oder?

Okay, okay, nicht unbedingt, ich weiß. Das schmeckt so nach: Sag mir deinen Lieblingslidschatten und ich link dich. Willkommen zurück im Jahr 2004, als die berüchtigten myblogs noch als Statussymbol unter Teenagern galten – 4.815.162.342 Fakten über mich, eine Tirade auf die beste Feindin, und schon steht das Ding. Perfekt!
Nein, aber mal ehrlich. Das Konzept des Liebster Awards ist in Wirklichkeit eine richtig nette Sache: Klar, ein bisschen (ein bisschen sehr) hat es was von Kettenbrief, aber hey, da sagt dir einer, dass ihm dein Blog gefällt, und im Gegenzug nennst du ein paar Leute, deren Schreibe du magst. Und damit andere was zu lachen haben, beantwortest du 11 Fragen und denkst dir 11 neue aus, die du wiederum deinen „Liebsten“ stellst (von denen du bestenfalls auch 11 an der Zahl in petto hast, weil Polygamie trendy und die 11 halt voll die geniale Zahl ist!!!11elf).
So weit, so gut (was sagt der Optimist, wenn er aus dem Fenster springt?). Ich nehme an dieser Stelle gleich vorweg, dass ich das mit den 11 Nominierungen nicht auf die Kette kriege, aber die Fragen, die Petra mir gestellt hat, sind verdammt unterhaltsam, und vor dem Hintergrund lohnt sich dieser Post hier trotzdem (zumindest für mich). Deswegen mache ich an dieser Stelle zunächst einen demütigen Knicks und sage: Danke, Petra! Und: Wer bei den folgenden Fragen ähnlich grenzdebil grinsen muss wie ich, dem kann ich nur empfehlen, mal auf ihrem Blog vorbeizuschauen!

Los geht’s: Die Antworten

1. Wieso belästigst du die Welt mit deinem Blog, statt uns in Ruhe zu lassen?
Wie – ihr NPCs könnt euch belästigt fühlen? Geile Technik. Nein, Quatsch, ganz so egozentrisch bin ich dann doch nicht; ich schreibe schlicht und ergreifend gerne. Über alles. Irgendwann habe ich mal einer Freundin einen mehrseitigen Essay über die Gleichberechtigung von verschiedenfarbigen Mülleimern geschrieben, und sie hätte mich dafür schlagen können, dass ich ihr damit das Postfach zumülle, aber das tat sie nicht – im Gegenteil, sie musste sehr darüber lachen. Das war schön. Alle Jahre wieder schaff ich’s mal, dass irgendjemand wegen etwas, das ich geschrieben habe, lächeln muss, und das ist mir Bestätigung genug, um der Welt weiterhin auf den Sack zu gehen.

2. Was macht deinen Blog so besonders, das man ihm folgen sollte?
Na ja, es ist mein Blog – das ist ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Ich schätze, solange ich nicht versehentlich von einer Klippe falle, kann’s ganz lustig sein, mir ein wenig zu folgen, aber diese schwerwiegende Entscheidung überlasse ich in meiner Großzügigkeit lieber jedem selbst.

3. Doc Brown hat den De Lorean in deiner Einfahrt stehen lassen. Wo gehts hin?
Amerikanisch-mexikanische Grenze, Ende des 19. Jahrhunderts, ein Stück in die Prärie. Einmal hinter die Romantisierung des Wilden Westens blicken, mitten in den Dreck und die Armut und die Entbehrungen, und vielleicht für eine kleine Weile darin untergehen, um sich am Ende irgendwie sauberer zu fühlen. (Nur den DeLorean sollte ich in Reichweite behalten, alt werden würde ich dort nämlich nicht.)

4. Du darfst in einem 80er Jahre Teenie Film mitspielen. Welcher wäre das und wieso?
Irgendwie fallen mir gerade nur Horrorfilme ein (na ja, und Zurück in die Zukunft, aber das Thema hatten wir ja schon). Ich habe mit 10 Jahren den folgenschweren Fehler gemacht, mir An American Werewolf in London anzusehen und habe bis heute gelegentlich Albträume von Werwölfen, die mir oder meinen Lieben das Herz aus der Brust reißen. Trotzdem liebe ich den Streifen abgöttisch, und wenn’s mich damals schon gegeben hätte, ich hätte liebend gern dort mitgewirkt. Vorzugsweise als Opfer. Mich in Filmblut wälzen, jaulend unter der fetten Wolfs-Requisite mit den Monsterzähnen begraben werden und hinterher von Rick Baker ein krasses Leichen-Make up wie das von Griffin Dunne aufgemalt bekommen, das wär’s gewesen. Außerdem hat John Landis seinerzeit eine Szene, in der die Fellbombe drei Obdachlose zerfleischt, aus dem Film geschmissen, weil sie das Testpublikum allzu sehr in Panik versetzt hat. Klar, das war 1981, wie schlimm kann das aus heutiger Sicht schon gewesen sein – dennoch, die Szene ist leider nach ihrem Rauswurf verloren gegangen, und ich hätte zu gern mal mit eigenen Augen gesehen, was genau die Menschen damals so schockiert hat.
Ansonsten, falls der AWIL zu wenig teenie ist: Beim Dreh eines Nightmare on Elm Street-Films mitzuwirken wäre auch ziemlich cool gewesen. Vorzugsweise beim vierten, The Dream Master. Den mag ich am liebsten. Und da geht’s ja vornehmlich um Teenager. How do you know so much about dreams? – Well, when it’s all you have, you kinda become an expert…

5. Deine These zu: Würden Veganer als Zombies Menschenfleisch essen?
Klar. Da übernimmt der Hirnstamm das Kommando – und dem ist das wumpe, ob das Frontalhirn sich mal dazu entschlossen hatte, Rücksicht auf die armen Tierchen zu nehmen. Religiöse Menschen halten als Zombies vorm Zerfleischen ihrer Opfer ja auch nicht inne, um das Tischgebet zu sprechen.

6. Du wachst auf der Titanic auf und hörst noch die Worte: “Eisberg voraaaaaaaus!”. Würdest du alle warnen oder dich heimlich verpissen?
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die feinen Menschen aus dem Jahr 1912 einer jungen Frau Glauben schenken, die in ominöser Männerkleidung übers Schiff stolpert, wild mit den Armen rudernd und „Wir werden alle sterben!“ schreiend? Ich meine, ich bin viel zu sehr Trottel, um es nicht trotzdem zu versuchen, aber ich würde wohl noch vorm Aufprall über Bord geworfen werden.

7. Du heiratest eine meeeega berühmte Persönlichkeit. Wer wäre das und wieso genau diese Person?
Ach, die Guten sind doch eh alle schon weg. Würde das keine Rolle spielen: Sam Rockwell. Keiner tanzt wie Sam Rockwell.

8. Du darfst ohne Konsequenzen jemanden töten, was würdest du dafür benutzen und wieso?
CROSSBOW!!! (Ich würde mit dem Teil in irgendeinem Türrahmen hängen bleiben und zehn Meter daneben schießen.)

9. Wenn du die Wahl hättest, wer sollte dein Killer sein? Freddy Kruger, Jason Vorhees, Michael Myers oder Tine Wittler?
Freddy. Ich bin ja hart im Nehmen, aber Tine Wittler wäre mir dann doch zu krass.

10. Du hast einen höchsten Midi-Chlorianer Wert ever! Für welche Seite entscheidest du dich?
Für die der Ewoks.

11. Körbchengröße?
14 cm.

Liebster Award

Die Lieb-Links

Okay. Wem werfe ich das Teil jetzt zu? Die meisten Leute, denen ich zur Zeit virtuell an den Hacken klebe, haben das Ding entweder schon bekommen oder aber sie sind für Stöckchen und Co. wenig empfänglich, und aufzwingen will ich’s auch keinem. Deswegen werde ich im Folgenden einfach auf ein paar Menschen hinweisen, deren Blogs ich aktuell gern lese, im Anschluss meine 11 Fragen in den Raum stellen, und wer immer sich berufen fühlt, sie zu beantworten, der darf zur Tat schreiten – ich freu mich drüber. (Und ja, auch du darfst, wenn du magst. Genau du, der oder die du das hier liest. Wenn du kein Blog hast, pack’s in die Kommentare!)

Die Lieblinge:

  • Paleica. Seit Jahren eines der schönsten Blogs im WWW für mich, sowohl bildlich, textlich, als auch menschlich.
  • Silencer. Tolle Reiseberichte, allerlei Alltagskuriositäten, Medien- und Lebensdinge und natürlich das Wiesel – absolute Leseempfehlung für jeden, der atmet!
  • Celina. Alltag mit Spitz, Tierschutz-Fell- und Federbomben und Fledermäusen.
  • Mareike. Ein Blog über so ziemlich alles, was Spaß macht.
  • Christin. Über Sprache, das Denken und das Leben. Erst vor kurzem entdeckt, aber sehr schnell zu meinen Favoriten geschoben.
  • Petra. Wortschubserin und SAMCRO-Anhängerin. Scheißtag? Ihr Blog lesen, dann wird’s besser!

Nein, ihr müsst euch jetzt nicht verpflichtet fühlen, meine Fragen zu beantworten. Macht einfach weiter so wie bisher, dann bin ich schon glücklich!

Und jetzt, am Ende…

Für die, die Spaß dran haben: Die Fragen

  1. Der Tag, an dem du das Bloggen anfingst – was hast du dir dabei gedacht?
  2. Anti-Bucket list: Was hoffst du bis zu deinem Tod niemals zu tun?
  3. Ein Ratschlag für dein 10 Jahre jüngeres Ich?
  4. Du sollst dein Leben verfilmen – welche Schauspieler willst du im Hauptcast haben?
  5. Was war dein liebstes Kuscheltier in Kindertagen?
  6. Du schmeißt ne Party und kannst jede Person, lebendig, tot oder untot, einladen, die du willst. Wer wird’s?
  7. Welches Lied soll auf deiner Beerdigung gespielt werden?
  8. Freie Auswahl: Welche Superkraft hättest du gern?
  9. Dein Haus brennt. Was rettest du auf der Flucht vor den Flammen?
  10. Jack Bauer braucht Informationen von dir, die du nicht rausrücken willst. Welche Foltermethode lässt dich ganz sicher einknicken?
  11. Welchen Ort auf der Welt sollte man deiner Meinung nach unbedingt einmal mit eigenen Augen gesehen haben?
Schreiben und Zen

Warum bloggst du? – Schreiben und Zen

Bloggen

Was das Bloggen betrifft, so schwebe ich gedanklich noch immer irgendwo auf der Meta-Ebene, schaue hinunter auf meine auserkorene „frei Schnauze“-Nische (in der ich, wie ich überglücklich feststellen durfte, ganz und gar nicht allein bin!), und frage mich, wie ich hier überhaupt hingekommen bin. Ich schätze, heutzutage beginnt man Blogs, weil man auf Ruhm und Kohle hofft, weil man Kooperationen mit Firmen eingeht, weil man sich zu seinen neuesten H&M-Käufen beglückwünschen lassen will, aber damals, als ich damit angefangen habe, da wäre ich nie im Traum auf die Idee gekommen, mit einer Website Geld zu verdienen, und ich wäre nie im Traum darauf gekommen, dass irgendjemand je lesen wollen könnte, was ich in irgendwelche Textfelder gehämmert habe. Trotzdem hatte ich irgendwann eine winzigkleine Zahl von Stammbesuchern zusammen, mit denen ich ganze Gespräche in den Kommentaren geführt habe, und das war toll. Ich erinnere mich vor allem an Paleica, Celina und Mareike, an Tom, an diverse Freundinnen aus dem sagenumwobenen Real Life, die auf dem Blog herumwuselten, und ich erinnere mich daran, dass das, was wir damals gemacht haben, nichts anderes war, als virtuell miteinander abzuhängen und sich Geschichten zu erzählen. In gewisser Weise war das noch weniger als Wenigerwert-Bloggen, aber es ist genau dieses „Abhängen“, dieses „sich Geschichten Erzählen“, das das Bloggen für mich bis heute so wahnsinnig reizvoll macht.

Schreiben

Ich war immer jemand, der sich das Leben ein bisschen schwerer gemacht hat als nötig, indem er hinter allem den tieferen Sinn gesucht hat. Ich war immer übermäßig perfektionistisch, immer damit beschäftigt, mich und meine Umwelt durchzuanalysieren, und in gewisser Weise hatte ich den Großteil meines Lebens einen überdimensionalen Stock im Arsch, weil ich mich strikt geweigert habe, „öffentlich“ irgendetwas Blödes zu tun. Im Kern mache ich mich wahnsinnig gern zum Honk (ich muss mich nicht einmal dazu machen, ich bin einer), aber dass andere herzhaft über einen lachen, und dass man daneben steht und mitlacht, da muss man auch erst mal hinkommen. Ich kann mich ums Verrecken nicht daran erinnern, warum genau ich eines Tages anfing, einfach so niederzuschreiben, was mir in dem Moment im Kopf herumspukte – ich kam mir dabei am Anfang nämlich ziemlich dämlich vor. Jemand, der die Welt aus einer sachlichen, kühlen Perspektive betrachtet, hat zu jeder Sekunde vor Augen, dass sie sich eben nicht um ihn dreht, und der kommt eigentlich nicht auf die Idee, dass er mit seinen Worten Platz verschwenden sollte. Ich meine, hey, andere tun viel bedeutsamere Dinge als ich, andere überwinden größere Kluften und besteigen höhere Berge, andere haben ohnehin mehr zu sagen und mehr zu erzählen. Und du, du bist einfach nur da. Toll.
Irgendwann schrieb ich trotzdem. Und irgendwann war ich sogar dreist genug, das auf einem Blog zu tun. Und irgendwann war das Schreiben so sehr ein Teil von mir geworden, so sehr Druckablassventil, dass ich nicht mehr damit aufhören konnte. Wenn man lange genug immer wieder irgendetwas schreibt, findet man fast zwangsweise seine Stimme – nicht die, die sich in Frequenz und Amplitude misst, die wir selber kontrollieren und variieren können, sondern die, auf die wir eben keinen Einfluss haben und die darüber zeigt, wer wir sind. Wenn du schreiben kannst, ohne darüber nachzudenken, wenn du aufhörst, jedes Wort zu bewerten, und wenn Schreiben Denken ist und Denken Schreiben und du innerhalb von fünfzehn Minuten 1.000 Wörter geschrieben hast, ohne dabei jemals eines durchstreichen zu müssen, dann hast du diese Stimme gefunden. Das heißt nicht, dass alles, was du schreibst, sich liest wie ein Roman von Stephen King, oder dass du alles, was du schreibst, ins World Wide Web hinausschreien solltest, aber zumindest ist das, was da steht, auf eine besondere Art und Weise wahr, und das ist (zumindest in meinen Augen) schon verdammt viel wert. Meistens lernt man dabei ein bisschen was über sich selbst, sieht, wo sich Gedanken und Gefühle verknotet haben, wo des Pudels Kern und der Hase im Pfeffer liegt, und wenn man das erst einmal weiß, dann erkennt man auch, wie man den Knoten wieder lösen kann. Hätte ich nicht irgendwann einmal angefangen, zu bloggen, und wären da nicht so verdammt tolle Menschen gewesen, die mich auf ihre Arten darin bestärkt haben, weiterzumachen, und wäre darüber das Schreiben nicht so ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden, dann würde ich heute vielleicht immer noch Wege suchen, die Knoten in mir zu finden.

Zen

Vor ein paar Jahren gab’s da diese Serie (Life) mit Damian Lewis, der diesen Cop spielt, der zwölf Jahre unschuldig im Knast saß und danach mit einem Faible für Obst und Zen wieder den Detective spielen darf. Das mit dem Obst hab ich verstanden, aber diese ganze Zen-Geschichte hab ich nicht auf die Kette bekommen. Irgendwie klang das alles cool, was er da so erzählt hat, auch für jemanden ganz ohne Knasterfahrung, und hey, ich bin ein Lern-Mensch, ich will mir immer irgendetwas aneignen und üben und gut darin werden. Aber da konnte man gar nichts lernen. Da gab’s kein 7-Schritte-Programm, keine Tutorials, keine How to’s. Da war eigentlich gar nichts.
Das fand ich frustrierend.
Also kein Zen für mich. Muss ich halt mehr Obst essen, um Charlie Crews zu ehren.

Heute habe ich von Zen immer noch keine Ahnung, aber ich bilde mir ein, dass es dabei vor allem darum geht, loszulassen und genau diesen Zustand des Nichtverstehens zu akzeptieren. Und zu akzeptieren, dass du eben einfach nur da bist. Du, und der Rest der Welt. Ich schätze, es geht darum, mit dem Analysieren und Zerdenken aufzuhören und den Geist zum Schweigen zu bringen, bis da nur noch die Gegenwart ist, und das, was du gerade darin tust. Ich kann das nicht immer (auch wenn ich heute problemlos mit anderen über mich lachen kann), aber die Idee finde ich schön. Und am ehesten halten meine Gedanken dann die Klappe, wenn ich schreibe oder gerade geschrieben habe. Wenn ich die Knoten gefunden und gelöst und die Fäden wieder glattgestrichen habe.
Darum ist Schreiben meine Art von Zen. Darum wird mein Blog immer mehr aus Worten als aus Bildern bestehen, darum sind alle Beiträge, die ich schreibe, immer ein wenig zu lang, und darum nenne ich das Wenigerwert-Bloggen: Ich habe keine Lösungen für deine Probleme, und ich will dir nicht sagen, was du tun sollst. Die meiste Zeit will ich einfach nur Geschichten erzählen.

Taube auf dem Dach

Wenigerwert-Bloggen

Das alles hier ist alt. Das ist kein schmucker Neubau, das ist eine Ruine, und jeder Stein hat eine Vergangenheit, hat eine Geschichte, und wir sitzen hier am Tisch mit Gespenstern.

Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde, anbei erhalten Sie Ihre aktuelle Rechnung. Die fünfte Benachrichtigung dieser Art, und fünfmal war ich ein braver, pflichtschuldiger Bürger, und dreimal habe ich mich gefragt, warum ich den Vertrag nicht gekündigt habe. Webspace, wozu, wenn ich dem Web nichts mitzuteilen habe? Ihm nichts mitteilen will? Nichts mitteilen kann?
Gestern war Bloggen noch „Samstag war ich mit meiner BFF im Kino :D“, heute ist Bloggen „der Nagellack besticht durch seine kräftige Farbe sowie eine überdurchschnittliche Haltbarkeit“, und so richtig verstehen tue ich beides nicht. Das eine hat zu wenig Hintergedanken, das andere zu viel. Gestern war das egal; da hat jeder gemacht, was ihm gerade in den Sinn kam, und da war kein Druck dahinter, da waren keine Klarnamen und Adressangaben, keine Facebook-Fanpages, und wenn überhaupt, dann war der Disclaimer fünf Zeilen lang und startete mit „Mit dem Urteil vom 12. September 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden“. Gestern waren Blogs Tagebücher, heute sind sie Fashionjournale und Ratgebermagazine. Wenn du bloggen willst, liest du dir ein How to durch, in dem steht: Finde deine Nische. Erkenne die Probleme deiner Leser und helfe ihnen bei der Lösung. Informiere. Biete einen Mehrwert. Wenn du’s machst, mach’s richtig.

Phew. Biete einen Mehrwert. Okay. Informationen. Lösungen. Okay. Sei Experte auf deinem Gebiet. Okay.

Warte. Was?

Da schreibst du seit zehn Jahren Scheiß im Internet, und plötzlich denkst du, du musst jetzt mal erwachsen werden und nur noch ganz ernstzunehmende, wichtige Dinge mit deiner Zeit anfangen. Gott bewahre, dass da Unsinn auf deiner Seite steht. Gott bewahre, dass da das Wort „Scheiß“ steht. Gott bewahre, dass da was von dir steht.

Ich habe keine Nische. Für ein eigenes Theme fehlt mir die Zeit, und für die Suche nach dem perfekten Farbschema der Geschmack. Von Nagellack habe ich keine Ahnung. Für diesen Beitrag fallen mir weder Fokus Keyword noch Meta Description ein. Manchmal schreibe ich Unsinn, und manchmal fluche ich dabei. Mein geistiges Alter pendelt zwischen 8 und 88 Jahren. Ich hatte irgendwann einmal vorgehabt, hiermit etwas total Professionelles anzustellen, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass ich mich selbst viel zu wenig ernst nehme, um einen auf „Experte“ zu machen.

Ich meine, Himmel. Seit zehn Jahren gurke ich mit eigener Webpräsenz durch’s Internet, und trotzdem schaffe ich’s noch, durch die Aktualisierung auf WordPress 4.0 ganz expertenmäßig den Wartungsmodus rauszuhauen, damit Herr Silencer meinen wahnsinnig intelligenten Testbeitrag kommentieren kann.

HATM_Test123

Lassen wir das also mit der Professionalität. Ich wurde ohnehin enttarnt.

Ich und meine Gespenster, wir haben das Gebäude zurückerobert.