Gelesen im August 2014

Gelesene Bücher im August 2014

Das Lesen und ich, wir führen eine dieser On/Off-Beziehungen: Eigentlich ist es das Hobby, das mich von allen mit am meisten entspannt, aber uneigentlich habe ich, wenn ich im Stress bin, eben keine Zeit für Entspannung. Und ich bin meistens im Stress. Das führte dazu, dass ich, seit ich aus der Schule raus bin, alle ein bis zwei Monate mal ein Buch fertig gelesen habe, nur um dann weitere fünf Monate später längst wieder vergessen zu haben, worum es in dem Werk überhaupt gegangen war. Ich fand das immer sehr schade, und deswegen bin ich nun seit einer Weile auf einem gewissen „mehr lesen!“-Trip, der mir nicht nur helfen soll, Bücher wieder bewusster zu genießen, sondern schlussendlich auch dafür sorgen soll, dass ich mir jeden Tag ein paar Minuten zum „Runterkommen“ nehme. Buchführen hilft bei solchen Projekten enorm, deswegen kannst du hier, wenn’s gut läuft, fortan einmal im Monat einen Blick auf meinen Stapel frisch gelesener Bücher werfen – inklusive Meinung und so.

Ein Freund namens Henry, Nuala Gardner (2008)

(Im Original: A Friend like Henry, 2007)

Familie Gardner kommt nicht aus Spaß an der Hundehaltung auf die Idee, sich Golden Retriever Henry ins Haus zu holen: Mit ihrem autistischen Sohn Dale haben sie bereits eine ziemliche Ärzte- und Therapeutenodyssee hinter sich, und dennoch halten sich die Fortschritte im Hinblick auf seine soziale, emotionale und sprachliche Entwicklung in Grenzen. Von ihrem Welpen erhoffen sich die Eltern daher nicht bloß Apportierspiele im Park: Vielmehr soll das Tier dabei helfen, Dale aus seiner autistischen Welt herauszuholen.

Eine Freundin hat mir das Buch geschenkt, weil ich ein gewisses (großes) Interesse an tiergestützter Therapie habe. Damit hat sie thematisch natürlich voll ins Schwarze getroffen: Henry spielt für Dale in vielerlei Hinsicht die Rolle eines Entwicklungskatalysators und es scheint tatsächlich so, als wäre der Hund in vielen Momenten derjenige, dem es gelingt, den Jungen mehr und mehr in ein „normaleres“ Leben zu führen. Im Fokus der Erzählung steht allerdings kein Hundekitsch – „Ein Freund namens Henry“ ist nämlich keine fiktive Tiergeschichte, sondern die Biographie einer Mutter, die gegen die autistische Störung ihres Sohnes ankämpft, und so nehmen die Berichte über dessen erste fünf Lebensjahre (ohne Hund) mehr als ein Drittel des Buches ein. Diese detaillierten Beschreibungen der Krankengeschichte und Entwicklung von Dale geben tiefe Einblicke in das Leben autistischer Kinder und den Umgang mit ihnen und helfen sehr dabei, zu verstehen, was die Familie mit ihrem Sprössling durchmacht – ich fand das spannend, insbesondere, weil ich beruflich teilweise mit autistischen Menschen zu tun habe. Dennoch darf man gerade bei solchen Störungen nicht aus den Augen verlieren, dass von Einzelfällen nicht auf die Allgemeinheit geschlossen werden darf. Insgesamt ist das Buch sehr hoffnungsvoll, und das ist toll zu lesen (schlussendlich wünschen wir uns doch alle den Weltfrieden, oder?) – dass nun Amazon Nuala Gardners Erzählung in die Ratgeber-Kategorie gesteckt hat, macht mich allerdings doch ein wenig stutzig. Gewissermaßen ist das Buch zu voll mit Informationen, um Unterhaltung zu sein, bietet aber zu wenig allgemeingültige Ratschläge, um als Ratgeber zu gelten. Es bleibt eben die subjektive und emotionsgefärbte Schilderung eines Einzelfalles. Muss man mögen, mir hat’s aber ganz gut gefallen.

Hell’s Angels, Hunter S. Thompson (2011)

(Im Original: Hell’s Angels, 1966)

Nicht bloß einen schnöden Zeitungsartikel schrieb Thompson Mitte der 60er über die zweirädig motorisierte Horde gesetzloser „Einprozenter“, sondern er widmete den Hells Angels, ihrer Entstehungsgeschichte sowie ihrem medialen Durchbruch gleich ein ganzes Buch. Dazu verbrachte er ein knappes Jahr mit dem Club, fuhr mit auf Partys und Gelage, verschreckte seine Nachbarn, indem er Member zu sich nach Hause einlud und sammelte Informationen, Geschichten und Einsichten über die „Outlaws“, die mit der Gesellschaft der braven Bürger nicht klar kamen und nicht klar kommen wollten.

Um Hunter S. Thompson schlich ich nun schon ein ganzes Weilchen herum, ohne mich so richtig zum Erwerb eines Einstiegswerkes von ihm durchringen zu können – als mir dann vor kurzem „Hell’s Angels“ in die Hände fiel, war jedoch schnell klar, dass es für mich einen perfekteren Erstling nicht geben konnte. Ich bin mit einem gewissen Faible für die Staaten aufgewachsen, wusste mit drei Jahren, dass die Route 66 etwas verdammt Cooles sein muss, und als ich kurze Zeit später auf einer Autobahnraststätte das erste Mal einen riesigen Pulk von Bikern in schmutzigen Kutten an mir vorbeiröhren sah, da wäre ich ihnen am liebsten hinterhergerannt, um diese Freiheit zu sehen, von der immer alle sprachen. Klar, früher oder später klärt sich der Blick, und diese Freiheitsassoziation, die habe ich zu den Angels schon lange nicht mehr. Das Interesse ist aber geblieben. Und auch wenn Thompsons Werk heute ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, auch wenn der MC damals mit dem Club heute nichts mehr gemein haben wird, auch wenn man darüber streiten kann, ob diese Typen das Mehr an Aufmerksamkeit durch die Veröffentlichung verdient hatten: Diese Mechanismen, wie die Sensationspresse aus einer Bande gewaltbereiter Unterschichtler zunächst hochgefährliche Schwerstverbrecher und im nächsten Moment die heldenhaften Vertreter echter amerikanischer Werte machen kann, die sind bis heute aktuell, und diese Aktualität werden sie so schnell auch nicht verlieren. „Hell’s Angels“ stellt diverse Aussagen und Berichte gegenüber, gewürzt mit einer guten Dosis subjektiver Empfindungen und Einschätzungen des Autors. Mittlerweile ärgere ich mich, nicht schon viel früher etwas von Thompson gelesen zu haben.

Winters Knochen, Daniel Woodrell (2011)

(Im Original: Winter’s Bone, 2006)

Amerikanisches Hinterland: Jessup Dolly ist verschwunden, also übernimmt seine 16-jährige Tochter Ree die Rolle des Familienoberhauptes, schmeißt den Haushalt, hackt Feuerholz, kümmert sich um ihre zwei kleinen Brüder, schießt Eichhörnchen und betreut ihre psychisch kranke Mutter. Bis eines Tages der Sheriff vor der Tür steht und sie informiert, dass Jessup, angeklagt wegen der Unterhaltung eines Meth-Labors, Haus und Land für die Kaution verpfändet hat. Erscheint er nicht zum Gerichtstermin in einer Woche, landet seine Familie auf der Straße. Ree kann das nicht zulassen und macht sich auf die Suche nach ihm.

Stilistisch ist der kurze Roman toll. An der Sprache bin ich direkt kleben geblieben; sie transportiert die triste, hoffnungslose Atmosphäre mit solcher Schönheit, dass man sich trotz der Härte und Brutalität der Erzählung nicht davon losreißen will. Ree ist eine verdammt starke Protagonistin, die es einem leicht macht, sie zu mögen, und auch Charaktere wie ihre Freundin Gail oder ihren Onkel Teardrop fand ich großartig. Trotzdem, vielleicht lag’s an der Kürze des Buches, aber am Ende hatte ich doch das Gefühl, dass irgendetwas gefehlt hat. Ein bisschen mehr Tiefe, ein bisschen mehr Background, ein bisschen mehr Innenleben vielleicht.

Das Handwerk des Teufels, Donald Ray Pollock (2012)

(Im Original: The Devil All The Time, 2011)

Arvin verliert seine Mutter an eine üble Krebserkrankung und findet am Tag der Beerdigung die Leiche seines Vaters, der sich eine Kugel in den Kopf gejagt hat. Der Junge wächst bei seiner Großmutter auf, gemeinsam mit der jungen Leonora, deren Mutter von einem religiösen Fanatiker getötet wurde, der überzeugt war, er könne Tote wieder zum Leben erwecken. Und dann sind da noch Sandy und Carl, ein Serienkillerpärchen, das seine Urlaube mit dem Ermorden von Anhaltern verbringt.

All diese Handlungsstränge verweben sich im Verlauf zu einem blutigen Finale, bei dem dann am Ende doch jedes Wort am richtigen Platz steht. Zwischenzeitlich bekam ich über die vielen Perspektivwechsel das Gefühl, der Roman plätschere ein wenig ziellos dahin, nur darauf bedacht, möglichst viele menschliche Abgründe auf möglichst wenigen Seiten aufzuzeigen, aber je mehr Berührungspunkte sich zwischen den verschiedenen Charakteren und ihren Lebensgeschichten entwickelten, desto stimmiger wurde das Gesamtbild. „Das Handwerk des Teufels“ ist eindringlich geschrieben, grausam erzählt und wird von einer sehr düsteren Atmosphäre getragen. Obwohl das Buch für mich in der Mitte ein bisschen geschwächelt hat: Am Ende hatte Pollock mich in der Tasche.