sukekiyo

sukekiyo live in der Zeche Bochum 2014

Wenn ich sage, dass ich Geschichten mag, dann assoziiere ich damit immer in irgendeiner Form eines: Worte. Ich bin ein Wort-Mensch; Sprache ist für mich alles. Mein Job, mein Hobby, mein Herz. Natürlich kann man Emotionen nonverbal äußern, ich mag es allerdings nicht, wenn ich die Geschichte dazu nicht kenne. Ich will immer wissen, was dahinter liegt.
Ich weiß nicht, wie genau das mit den Stummfilmen funktioniert hat, aber heutzutage kommen die wenigsten Filme ohne Worte aus. Worte sind wichtig. Tarantino-Filme sind nicht nur deswegen cool, weil die so einen hohen Verbrauch an Kunstblut haben; in erster Linie werden die Teile von den Dialogen getragen. Ich mag Filme, in denen viel gesprochen wird, und ich mag Musik, die ich nachfühlen kann – die mir über die Texte irgendetwas erzählt, womit ich was anfangen kann. Ich mag Musik, die sich im Kopf wie ein Film anfühlt.

Entsprechend habe ich immer einen Bogen um japanische Musik gemacht. Ich verstehe nämlich kein Japanisch. Ob die mir jetzt in ihrer Sprache „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder meinen Lieblingssong von Fever Ray vorsingen, ich merke da keinen Unterschied – mir fehlt einfach der Zugang. Die Sprachmelodie fühlt sich für mich komisch an, die Texte kapier ich nicht, und letztendlich kann ich mir nicht einmal merken, wie die Stücke heißen, auch dann, wenn sie englische Titel haben – vom Gesang her sind sie für mich ja alle irgendwie gleich.

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Tja, dennoch: Am 21. September war ich mit einer lieben Freundin auf dem Konzert der Band sukekiyo in Bochum. Sukekiyo ist das Nebenprojekt von Dir en grey-Sänger Kyo, und Kyo ist nicht nur Japaner, er singt auch Japanisch (ja, wirklich). Nun muss ich zugeben, mich nie sonderlich mit Dir en grey befasst zu haben, aber das Album IMMORTALIS von sukekiyo habe ich mir (dank besagter Freundin, die sich für Kyos Arbeit sehr begeistert) oft angehört – und obwohl ich so ein Wort-Mensch bin, bei diesen Songs muss man nicht unbedingt den Text verstehen, um Bilder im Kopf zu haben. Das fand ich beeindruckend, und auch wenn ich immer noch keine Ahnung hatte, auf was genau ich mich eingelassen hatte: Das, was ich an japanischer Musik eigentlich nicht mag, das spielte an diesem Abend überhaupt keine Rolle.

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Es ist schwierig, das Konzert in einem Wort zu beschreiben, aber müsste ich mich für eines entscheiden, so wäre das: Atmosphärisch. Es ist nicht so, als würden die Herren von sukekiyo keine härteren, rockigen Klänge anschlagen, es ist auch ganz gewiss nicht so, als würde die Musik einen nicht packen, aber dieses Konzert war das erste, auf dem ich war, bei dem ich überhaupt keinen Bedarf hatte, mich großartig zu bewegen. Wir saßen einfach nur da auf unserer Treppenstufe und schauten nach vorn, und das war perfekt so. Auch im Verlauf, als die Musik zunehmend schneller wurde, wollte ich nicht aufstehen und tanzen – das wäre mir nahezu frevelhaft erschienen, weil ich dieses Kunstwerk da vorne nicht mit kopflosem Herumhopsen kaputt machen wollte. Denn irgendwie war das gar kein Konzert. Da war niemand, der uns zum Klatschen aufforderte, da hat niemand mit uns gesprochen, die meiste Zeit wurden wir nicht einmal angesehen. Kyo hat sich bewegt, als würde er uns überhaupt nicht wahrnehmen, als würde er gar nicht merken, dass wir da sind; er schien gänzlich in seiner eigenen Welt zu sein, in einem Zustand, in dem er das nach außen brechen lassen kann, was Menschen normalerweise in sich verschlossen halten. Das mit anzusehen war regelrecht hypnotisierend – und ihn dabei zu hören beinahe schon furchterregend. Es steht außer Frage, dass dieser Mann singen kann, die Sache ist nur, dass er es dabei nicht belässt: Während viele Lieder durchaus von seinem Gesang (der sich nicht selten bis ins Falsett hinaufbewegt) dominiert werden, passiert es doch immer wieder, dass aus dem Singen schlagartig ein katzenartiges Fauchen wird, aus dem Fauchen ein gutturales Grollen und aus dem Grollen plötzlich ein markerschütterndes Schreien. Und live wirkt das noch um ein Vielfaches extremer, um ein Vielfaches packender als auf dem Album. Und obwohl ich kein Wort von dem verstehe, was er in diesen Momenten eigentlich sagt – die Emotionen, die er über seine Musik ausdrückt, erwischen mich trotzdem, und all das, was er in seine fast wahnsinnig anmutende Performance legt, das schwingt durch den gesamten Raum, über uns alle hinweg, wie eine Abrissbirne, die uns zu Boden reißt, und die uns, wenn wir uns gerade wieder aufgerappelt haben, von hinten mitten ins Kreuz springt. Die Instrumente, die Gitarrensoli wirken dabei als perfekter Verstärker, und wenn man es zulässt, dann wird man einfach so fortgezogen, weg von allem, hinein in Geschichten, die nur im ersten Moment wirken, als könne man sich nicht verstehen – bis man feststellt, dass man all das, was da in der Musik lauert, vielleicht irgendwann einmal doch schon selbst gefühlt hat, die Abfolgen, die Schwankungen, die Umbrüche. Denn Emotionen kennen keine Sprachbarrieren. Und die Geschichten zu den Gefühlen, die die Musik von sukekiyo bewirkt, die erzählt dein Kopf dir schlussendlich selbst.

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Mein absolutes Highlight des Konzertes war der Song vom IMMORTALIS-Album, dessen Titel nur aus Kanji besteht (烏有の空). Die Albumversion ist lediglich ein wenig über zwei Minuten lang, live zieht sich das Stück jedoch auf die doppelte Länge – und auch das, was die Studioaufnahne schon besonders macht, nämlich Kyos Gesang, der trotz der scheinbaren textlichen wie musikalischen Einfachheit des Stückes wirklich alle Facetten durchmacht, wird live um ein Vielfaches intensiviert. Und Kyos Art, sich zu bewegen, zu performen, die macht die Atmosphäre so eindringlich, dass man einfach nur still dasitzen und starren und sprachlos und atemlos sein kann. Es klingt komisch, wenn ich schreibe, dass sich da jemand das Kabel seines Mikrofons um den Hals legt und sich den eigenen Speichel über Brust und Bauch rinnen lässt, und wenn ich schreibe, dass das hypnotisch und faszinierend wirkt, es klingt vielleicht krank oder lächerlich, aber das wirklich Faszinierende ist eigentlich, dass an diesem Künstler nichts gespielt, nichts falsch und nichts unecht wirkt. Wenn ich ihn vor mir sehe, denke ich nicht an einen Schauspieler oder an jemanden mit zwei Persönlichkeiten, einer für’s Leben und einer für die Bühne, sondern ich denke einfach nur an einen Menschen, der in seiner Musik einen Weg gefunden hat, all das nach außen zu tragen, was unter der Oberfläche liegt, und das finde ich beeindruckend und beneidenswert und unheimlich schön, auch dann, wenn das, was dabei nach außen tritt, im Kern manchmal schmerzt oder traurig oder gar hässlich ist.

Das war wirklich kein Konzert. Das war ein Film in meinem Kopf und ein ganzes Leben in meinem Herzen.

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