Schreiben und Zen

Warum bloggst du? – Schreiben und Zen

Bloggen

Was das Bloggen betrifft, so schwebe ich gedanklich noch immer irgendwo auf der Meta-Ebene, schaue hinunter auf meine auserkorene „frei Schnauze“-Nische (in der ich, wie ich überglücklich feststellen durfte, ganz und gar nicht allein bin!), und frage mich, wie ich hier überhaupt hingekommen bin. Ich schätze, heutzutage beginnt man Blogs, weil man auf Ruhm und Kohle hofft, weil man Kooperationen mit Firmen eingeht, weil man sich zu seinen neuesten H&M-Käufen beglückwünschen lassen will, aber damals, als ich damit angefangen habe, da wäre ich nie im Traum auf die Idee gekommen, mit einer Website Geld zu verdienen, und ich wäre nie im Traum darauf gekommen, dass irgendjemand je lesen wollen könnte, was ich in irgendwelche Textfelder gehämmert habe. Trotzdem hatte ich irgendwann eine winzigkleine Zahl von Stammbesuchern zusammen, mit denen ich ganze Gespräche in den Kommentaren geführt habe, und das war toll. Ich erinnere mich vor allem an Paleica, Celina und Mareike, an Tom, an diverse Freundinnen aus dem sagenumwobenen Real Life, die auf dem Blog herumwuselten, und ich erinnere mich daran, dass das, was wir damals gemacht haben, nichts anderes war, als virtuell miteinander abzuhängen und sich Geschichten zu erzählen. In gewisser Weise war das noch weniger als Wenigerwert-Bloggen, aber es ist genau dieses „Abhängen“, dieses „sich Geschichten Erzählen“, das das Bloggen für mich bis heute so wahnsinnig reizvoll macht.

Schreiben

Ich war immer jemand, der sich das Leben ein bisschen schwerer gemacht hat als nötig, indem er hinter allem den tieferen Sinn gesucht hat. Ich war immer übermäßig perfektionistisch, immer damit beschäftigt, mich und meine Umwelt durchzuanalysieren, und in gewisser Weise hatte ich den Großteil meines Lebens einen überdimensionalen Stock im Arsch, weil ich mich strikt geweigert habe, „öffentlich“ irgendetwas Blödes zu tun. Im Kern mache ich mich wahnsinnig gern zum Honk (ich muss mich nicht einmal dazu machen, ich bin einer), aber dass andere herzhaft über einen lachen, und dass man daneben steht und mitlacht, da muss man auch erst mal hinkommen. Ich kann mich ums Verrecken nicht daran erinnern, warum genau ich eines Tages anfing, einfach so niederzuschreiben, was mir in dem Moment im Kopf herumspukte – ich kam mir dabei am Anfang nämlich ziemlich dämlich vor. Jemand, der die Welt aus einer sachlichen, kühlen Perspektive betrachtet, hat zu jeder Sekunde vor Augen, dass sie sich eben nicht um ihn dreht, und der kommt eigentlich nicht auf die Idee, dass er mit seinen Worten Platz verschwenden sollte. Ich meine, hey, andere tun viel bedeutsamere Dinge als ich, andere überwinden größere Kluften und besteigen höhere Berge, andere haben ohnehin mehr zu sagen und mehr zu erzählen. Und du, du bist einfach nur da. Toll.
Irgendwann schrieb ich trotzdem. Und irgendwann war ich sogar dreist genug, das auf einem Blog zu tun. Und irgendwann war das Schreiben so sehr ein Teil von mir geworden, so sehr Druckablassventil, dass ich nicht mehr damit aufhören konnte. Wenn man lange genug immer wieder irgendetwas schreibt, findet man fast zwangsweise seine Stimme – nicht die, die sich in Frequenz und Amplitude misst, die wir selber kontrollieren und variieren können, sondern die, auf die wir eben keinen Einfluss haben und die darüber zeigt, wer wir sind. Wenn du schreiben kannst, ohne darüber nachzudenken, wenn du aufhörst, jedes Wort zu bewerten, und wenn Schreiben Denken ist und Denken Schreiben und du innerhalb von fünfzehn Minuten 1.000 Wörter geschrieben hast, ohne dabei jemals eines durchstreichen zu müssen, dann hast du diese Stimme gefunden. Das heißt nicht, dass alles, was du schreibst, sich liest wie ein Roman von Stephen King, oder dass du alles, was du schreibst, ins World Wide Web hinausschreien solltest, aber zumindest ist das, was da steht, auf eine besondere Art und Weise wahr, und das ist (zumindest in meinen Augen) schon verdammt viel wert. Meistens lernt man dabei ein bisschen was über sich selbst, sieht, wo sich Gedanken und Gefühle verknotet haben, wo des Pudels Kern und der Hase im Pfeffer liegt, und wenn man das erst einmal weiß, dann erkennt man auch, wie man den Knoten wieder lösen kann. Hätte ich nicht irgendwann einmal angefangen, zu bloggen, und wären da nicht so verdammt tolle Menschen gewesen, die mich auf ihre Arten darin bestärkt haben, weiterzumachen, und wäre darüber das Schreiben nicht so ein wichtiger Teil in meinem Leben geworden, dann würde ich heute vielleicht immer noch Wege suchen, die Knoten in mir zu finden.

Zen

Vor ein paar Jahren gab’s da diese Serie (Life) mit Damian Lewis, der diesen Cop spielt, der zwölf Jahre unschuldig im Knast saß und danach mit einem Faible für Obst und Zen wieder den Detective spielen darf. Das mit dem Obst hab ich verstanden, aber diese ganze Zen-Geschichte hab ich nicht auf die Kette bekommen. Irgendwie klang das alles cool, was er da so erzählt hat, auch für jemanden ganz ohne Knasterfahrung, und hey, ich bin ein Lern-Mensch, ich will mir immer irgendetwas aneignen und üben und gut darin werden. Aber da konnte man gar nichts lernen. Da gab’s kein 7-Schritte-Programm, keine Tutorials, keine How to’s. Da war eigentlich gar nichts.
Das fand ich frustrierend.
Also kein Zen für mich. Muss ich halt mehr Obst essen, um Charlie Crews zu ehren.

Heute habe ich von Zen immer noch keine Ahnung, aber ich bilde mir ein, dass es dabei vor allem darum geht, loszulassen und genau diesen Zustand des Nichtverstehens zu akzeptieren. Und zu akzeptieren, dass du eben einfach nur da bist. Du, und der Rest der Welt. Ich schätze, es geht darum, mit dem Analysieren und Zerdenken aufzuhören und den Geist zum Schweigen zu bringen, bis da nur noch die Gegenwart ist, und das, was du gerade darin tust. Ich kann das nicht immer (auch wenn ich heute problemlos mit anderen über mich lachen kann), aber die Idee finde ich schön. Und am ehesten halten meine Gedanken dann die Klappe, wenn ich schreibe oder gerade geschrieben habe. Wenn ich die Knoten gefunden und gelöst und die Fäden wieder glattgestrichen habe.
Darum ist Schreiben meine Art von Zen. Darum wird mein Blog immer mehr aus Worten als aus Bildern bestehen, darum sind alle Beiträge, die ich schreibe, immer ein wenig zu lang, und darum nenne ich das Wenigerwert-Bloggen: Ich habe keine Lösungen für deine Probleme, und ich will dir nicht sagen, was du tun sollst. Die meiste Zeit will ich einfach nur Geschichten erzählen.

Taube auf dem Dach

Wenigerwert-Bloggen

Das alles hier ist alt. Das ist kein schmucker Neubau, das ist eine Ruine, und jeder Stein hat eine Vergangenheit, hat eine Geschichte, und wir sitzen hier am Tisch mit Gespenstern.

Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde, anbei erhalten Sie Ihre aktuelle Rechnung. Die fünfte Benachrichtigung dieser Art, und fünfmal war ich ein braver, pflichtschuldiger Bürger, und dreimal habe ich mich gefragt, warum ich den Vertrag nicht gekündigt habe. Webspace, wozu, wenn ich dem Web nichts mitzuteilen habe? Ihm nichts mitteilen will? Nichts mitteilen kann?
Gestern war Bloggen noch „Samstag war ich mit meiner BFF im Kino :D“, heute ist Bloggen „der Nagellack besticht durch seine kräftige Farbe sowie eine überdurchschnittliche Haltbarkeit“, und so richtig verstehen tue ich beides nicht. Das eine hat zu wenig Hintergedanken, das andere zu viel. Gestern war das egal; da hat jeder gemacht, was ihm gerade in den Sinn kam, und da war kein Druck dahinter, da waren keine Klarnamen und Adressangaben, keine Facebook-Fanpages, und wenn überhaupt, dann war der Disclaimer fünf Zeilen lang und startete mit „Mit dem Urteil vom 12. September 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden“. Gestern waren Blogs Tagebücher, heute sind sie Fashionjournale und Ratgebermagazine. Wenn du bloggen willst, liest du dir ein How to durch, in dem steht: Finde deine Nische. Erkenne die Probleme deiner Leser und helfe ihnen bei der Lösung. Informiere. Biete einen Mehrwert. Wenn du’s machst, mach’s richtig.

Phew. Biete einen Mehrwert. Okay. Informationen. Lösungen. Okay. Sei Experte auf deinem Gebiet. Okay.

Warte. Was?

Da schreibst du seit zehn Jahren Scheiß im Internet, und plötzlich denkst du, du musst jetzt mal erwachsen werden und nur noch ganz ernstzunehmende, wichtige Dinge mit deiner Zeit anfangen. Gott bewahre, dass da Unsinn auf deiner Seite steht. Gott bewahre, dass da das Wort „Scheiß“ steht. Gott bewahre, dass da was von dir steht.

Ich habe keine Nische. Für ein eigenes Theme fehlt mir die Zeit, und für die Suche nach dem perfekten Farbschema der Geschmack. Von Nagellack habe ich keine Ahnung. Für diesen Beitrag fallen mir weder Fokus Keyword noch Meta Description ein. Manchmal schreibe ich Unsinn, und manchmal fluche ich dabei. Mein geistiges Alter pendelt zwischen 8 und 88 Jahren. Ich hatte irgendwann einmal vorgehabt, hiermit etwas total Professionelles anzustellen, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass ich mich selbst viel zu wenig ernst nehme, um einen auf „Experte“ zu machen.

Ich meine, Himmel. Seit zehn Jahren gurke ich mit eigener Webpräsenz durch’s Internet, und trotzdem schaffe ich’s noch, durch die Aktualisierung auf WordPress 4.0 ganz expertenmäßig den Wartungsmodus rauszuhauen, damit Herr Silencer meinen wahnsinnig intelligenten Testbeitrag kommentieren kann.

HATM_Test123

Lassen wir das also mit der Professionalität. Ich wurde ohnehin enttarnt.

Ich und meine Gespenster, wir haben das Gebäude zurückerobert.