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Es herrscht diese klassische Wartezimmeratmosphäre. Wer hier sitzt, blättert entweder in den zerknitterten Zeitschriften, die auf dem Tisch ausgebreitet liegen, oder starrt stumpf in die Gegend. Ich tue letzteres. Wartezimmer-Zeitschriften rühre ich nie an – wer weiß, wer die Teile vor mir in den Griffeln hatte, und wer weiß, weswegen der beim Arzt war. Die Frau dort drüben hustet schon wieder, und ich frage mich unwillkürlich, weswegen es die anderen Leute hier zum Wochenend-Notdienst verschlagen hat. Hoffentlich hat hier keiner ansteckende Krankheiten, ich habe Klausuren vor mir.
Ich blicke missmutig auf meine Schuhe. Da ist dieser Typ, der alle zwei Minuten den Gang entlangläuft, einen Jungen mit PSP vor der Nase im Schlepptau. Der Große trägt FlipFlops und Shorts, hält sich betont lässig ein Wattepad an die Schläfe, und immer wenn er durch mein Blickfeld marschiert, kann ich nicht anders, als hinzusehen. Die zwei sind die einzigen hier, die sich bewegen. Mein Blick wird von so viel Action fast magnetisch angezogen. Sie verschwinden in einer Tür.
Neben mir sitzt eine junge Familie. Mama wischt dem vielleicht acht Monate alten Junior gerade die Schuhe mit einem Feuchttuch ab. Ich weiß beim besten Willen nicht, wozu das gut sein soll – kaut er zu Hause auf den Dingern rum, oder was? Sie redet mit hoher Stimme auf ihn ein, ein Musterbeispiel an Baby Talk. Papa hält pflichtbewusst die Tasche auf dem Schoß und starrt auf den Fußboden. Wäre das mein Kind, ich hätte ihm coolere Schuhe gekauft. Die Dinger sind lila. Mir fällt niemand ein, der freiwillig Lila trägt. Außer dem Joker vielleicht. Clowns.
Der Typ kommt wieder um die Ecke, aber diesmal steuert er auf die Wartenische zu. Er und der PSP-Junge setzen sich auf die Stühle mir gegenüber. Er hält immer noch das Wattepad. Er schaut mich an. Ich schaue zurück.
„Die sind echt fix hier, eh?“ Er klingt irgendwie osteuropäisch. Ich bin nicht in Stimmung für echte Kommunikation, also mache ich nur „Hm“ und blicke wieder zu Junior hinüber. Der rudert mit den Ärmchen und macht „Bah!“. Würd ich auch machen, müsste ich diese Schuhe tragen.
Der Typ schaut mich immer noch an. Spricht dann weiter: „Hab eine Platzwunde.“ Ich ziehe die Lippen ein und hebe die Brauen, in der Hoffnung, dass das irgendwie mitleidig aussieht. Armer Kerl. Die kleine Wunde an seiner Stirn sieht richtig gefährlich aus. Wahrscheinlich ist er über seine FlipFlops gestolpert und ihn hat’s gelegt. Hab nie verstanden, wie man damit draußen rumrennen kann.
„Das war eine Pistole!“ Er schaut mich erwartungsvoll an – ich schaue nur zweifelnd auf seine Stirn. „Eine ohne Kugel, die nur Knall macht!“ „Oh“, sage ich. Er: „Mann hat sie mir über den Schädel gezogen!“ Ich nicke verständnisvoll. Ein Blick in die kriminellen Abgründe meiner langweiligen Kleinstadt – Tante Erna knallt Niko eine Schreckschusspistole, das heißt, ihren Krückstock getarnt als Schreckschusspistole, an die Platte. Sehr cool. Joker Junior macht „dah-dah“ und wackelt mit den lila Schuhen.
Der Typ fängt jetzt an zu erzählen – mein Mangel an Reaktion juckt ihn offensichtlich wenig. Ich war nie gut darin, Leute mit Akzent zu verstehen. Ich habe keine Ahnung, wovon er redet. Ich verstehe „Mann“, ich verstehe „Pistole“, ich verstehe „Neffe und Neffin“. Er ist richtig in Fahrt, spricht immer schneller und gestikuliert wild. „Und ich sage, er soll schießen!“ Er schaut mich aus riesengroßen Augen an. „Ich hab keine Angst gehabt! Gar nicht! Echt, keine Angst!“ Ich mime Erstaunen, dann Bewunderung. Ich war schon immer beschissen im Schauspielern, aber ich glaube, das ist ihm egal. „Aber Neffin hat geweint!“ Zurück auf Mitgefühl. „Dann sprang er über Zaun.“ Sehr sportlich. „Aber Polizei hat schon.“ Er holt Luft. Ich sage: „Na dann…“ Er lehnt sich grinsend in seinen Stuhl zurück und faltet die Hände hinter dem Kopf. Sein T-Shirt ist ihm zu kurz. „So ist das Leben, ne?“ „Jau.“ Endlich mal einer, der weiß, wie’s geht.
Ich werde aufgerufen.
Das war im September. Jetzt, im November, höre ich wieder von toten Säuglingen in meiner ach-so-unkriminellen Kleinstadt und wünsche mir, es gäbe haufenweise echte Nikos, die sich vor reale Neffen und Neffinnen stellen, um sie vor Tante Erna (oder wem auch immer) zu schützen.
Diesen Nikos würde ich mehr als nur Schreckschusspistolen in die Hände geben.
20. November 2011: Neue Hobbies
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Manchmal wird man selbst als (pseudo-)erwachsener Mensch wieder zurück in Kindertage versetzt und spürt, wie wenig sich eigentlich verändert hat. Ich weiß noch, als ich damals gerade angefangen hatte, schreiben zu lernen, hat mich die Möglichkeit, ausnahmslos jeden Schwachsinn niederschreiben zu können, maßlos fasziniert. So sehr, dass ich meiner Mutter wohl sehr ausdauernd mit der Frage „Mamaaa, wie schreibt man daaas??“ auf den Nerven herumgetrampelt bin. Die hatte damals außerdem ein Faible für diverse amerikanische Fernsehserien, sodass ich mich nach und nach mit mehreren englischen Namen konfrontiert sah, deren Schreibweise mich noch mehr begeistert hat, als es jedes deutsche Wort konnte. Das klang alles so… andersartig. Ich war hin und weg. Allerdings war mein kindliches Gedächtnis auffallend bescheiden und jeden Zettel, auf dem ich mir die buchstabierten Versionen von Rico Tubbs und Dylan McKay notiert hatte, hatte ich spätestens drei Tage später verlegt, sodass an jenem Abend die Fragerei von vorne losging. Wenn ich mich heute daran zurückerinnere, frage ich mich jedes Mal, wie meine Mutter das ausgehalten hat – immer, wenn Sonny und Rico gerade dem nächsten Drogenwäscher oder Geldhändler auf der Spur waren und es besonders spannend wurde, kam ich wahrscheinlich mit meinen lebensnotwendigen Fragen („Wie schreibt man denn Elvis?!“) dazwischen.
Nun bin ich aus dem mühsamen Buchstabier-Alter längst raus, aber jeder, der sich ein wenig mit Sprache befasst, wird merken, wie unterschiedlich man ein und dasselbe Wort eigentlich aussprechen kann – auch dann, wenn man aus derselben Region wie sein Gegenüber kommt, und auch dann, wenn man keine Sprachstörung hat. Nun soll es ja Gerüchten zufolge Menschen geben, die tatsächlich darauf achten, WAS man sagt, nicht wie man es tut, und das ist großartig – aber alle anderen, die das sächsische „Können Sie vielleicht“ nicht jedes Mal mit „Gänsefleisch“ umschreiben wollen, kommen irgendwann darauf, dass sie vielleicht transkribieren lernen sollten (oder müssen – je nach Berufswunsch). Lautschrift. Die putzigen Zeichen in eckigen Klammern aus den Englischbüchern, die damals genau so lange interessant waren, bis man ausreichend Sprachgefühl entwickelt hatte und sie ignorieren konnte.
Als man mir im ersten Semester mit der IPA-Tabelle kam, hielt sich meine Faszination auch noch schwer in Grenzen, aber seit ich vor kurzem angefangen habe, mich ernsthaft mit der Transkription selbst zu befassen, bin ich plötzlich wieder fünf Jahre alt, und anstatt alles, was ich höre, zu buchstabieren, transkribiere ich es jetzt. Falls sich also jemand fragt, womit der Klinische Linguist von heute seine Freizeit verplempert… Nun ja.
(Nebenbei bemerkt bin ich mir fast sicher, dass ich beim gestrigen Transkribieren von drei Rammstein-Songs häufiger den stimmhaften uvularen Vibranten verwendet habe, als hiesige Sprachtherapeuten in den letzten drei Jahren zusammen.)
30. Oktober 2011: Arkham City
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Im Bezug auf Games bin ich nörgelig geworden. Wo ich früher noch Zeit hatte, 30 Stunden die Woche zu zocken, bin ich heute froh, wenn ich überhaupt dazu komme, die Playstation oder Xbox anzuwerfen – und das tue ich nur, wenn ich weiß, dass es sich lohnt. Batman: Arkham Asylum war mein Lieblingsspiel – nicht, weil ich mich in besonderem Maße für Bruce Wayne oder Bats begeistern würde, sondern vor allem, weil ich den Joker mag. Nicht unbedingt jede Version des Jokers, die Film-Joker hauen mich beispielsweise nicht unbedingt vom Hocker, auch wenn ich die Ledger-Version immerhin angenehm nah am Azzarello/Bermejo – Joker fand (irgendwas fehlte mir trotzdem) – aber in jedem Falle liebe ich DIESE Version des Jokers. (Okay, und das Gameplay ist auch nicht schlecht.)
Damit erübrigt sich gewissermaßen die Frage, wieso mein Zimmer nach dem Ende der Hauptstory von Arkham City aussah wie nach einer Flutkatastrophe, und, warum Arkham City für mich einen etwas bitteren Beigeschmack hat. Ich muss auch nicht extra erwähnen, dass ich einem gewissen Namen auf meinem Star Wars-Poster bei aller Liebe nun auch ein ganz, ganz kleines bisschen Hass entgegenbringe. Ich bin eigentlich gar nicht der Typ, der sich sonderlich für fiktive Figuren begeistern kann – aber ich war eben auch nie ein Freund von Comics, bis ich irgendwann auf „Arkham Asylum – A Serious House on Serious Earth“ von Grant Morrison stieß und mich unwiderruflich in Mister J verknallte.
Bei aller Frustration, muss ich aber sagen – ich hatte wirklich meinen Spaß an dem Spiel. Ich werde ihn auch weiterhin haben, Arkham Asylum habe ich nämlich auch fünfmal durchspielen müssen, bis ich irgendwann genug davon hatte. Wer die Spiele kennt, weiß auch, wieso – selbst nach dem fünften Mal könnte einem nämlich noch ein nettes Detail auffallen, das zuvor an einem vorbeigegangen ist. Und diese Details sind klasse. Teilweise so sehr, dass ich lachend vorm Fernseher sitze.
„Joker“:
Well, here’s the thing. Answers don’t give you everlasting satisfaction. Sometimes you need to brace yourself for disappointment. Think about it. Imagine your favorite TV show. You’ve been through it all. The ups, the downs, the crazy coincidences, and then: Bang! They tell you what it’s all about.Would you be happy? Does it make sense? How come it all ended in a church?
Jeder LOST-Fan muss hier ein sehr, sehr dummes Grinsen im Gesicht gehabt haben. Ich schließe mich da ein.
